Da muss ich was ändern!


Landschlachthof Lehmann: Wenn es um’s liebe Vieh geht, vertrauen viele Bauernhöfe auf Fleischermeister Lutz Lehmann. Sein EU-zertifizierter Betrieb genießt einen guten Ruf. Weil Überregulierung ihm das Geschäft unnötig schwer macht, unterstützt er einen Aufruf der Deutschen Fleischernationalmannschaft. Ein Beitrag von Mirko Schwanitz.

Lutz Lehmann, Fleischermeister Landschlachthof Lehmann

© HWK-FF.DE // Mirko Schwanitz

„Na, ihr seid ja friedlich“, begrüßt Fleischerlehrling John-Paul Lange zwei Schweine, langt durchs Gatter und krault eines der Tiere hinter den Ohren. Das grunzt vor Vergnügen. Und hat keine Ahnung davon, was ihm gleich bevorsteht. “Wir sind einer der letzten kleinen Landschlachtereien in Ostbrandenburg“, sagt Fleischermeister Lutz Lehmann. Zu DDR-Zeiten lernte er sein Handwerk bei Fleischermeister Eberhard Henkel in Fürstenwalde und sammelte erste Erfahrungen als Schlachtergeselle bei der VEG Tierzucht Heinersdorf. Gern hätte er den kleinen Notschlachtbetrieb gleich nach der Wende weitergeführt. „Doch ich hatte noch keinen Meister.“

Lutz Lehmann beginnt 1993 in Trebus als Fleischer zu arbeiten. Im Nebenerwerb aber arbeitet er als Hausschlachter. Und mietet dafür die Schlachträume der einstigen VEG. Parallel lief da bereits seine Meisterausbildung, die er 1993 erfolgreich abschloss. „Als die Schlachtanfragen immer mehr wurden, musste ich entscheiden, ob ich Fleischer in Trebus bleiben oder mich als Schlachter selbstständig machen wollte.“ 2000 kaufen die Lehmanns die alten Gebäude der VEG, investieren und erweitern mutig. 2003 eröffnet er dann seine eigene Firma. „Hätte ich damals gewusst, was auf uns zukommt, hätte ich vielleicht gar nicht erst angefangen.“, sagt Lutz Lehmann heute rückblickend. Und erinnert sich an Behördenvertreter, die wegen „einer gesprungenen Kachel wollten, dass ich die halbe Schlachterei neu fliese. Erst als ich damit drohte, den Laden dicht zu machen, meine Leute und mich selbst zum Arbeitsamt zu schicken, lenkten sie ein. Die Kachel wurde dann ausgetauscht.“

„Wir brauchen keine Arbeitszeitdokumentation wie ein Großschlachthof“

Überbordende Bürokratie, immer ausgefeiltere Hygieneauflagen, aber auch an der Massenschlachterei orientierte Auflagen der EU haben in ganz Deutschland zu einem Sterben der kleinen Landschlachtereien geführt.  „Dabei wollen wir doch mehr regionale Kreisläufe, weniger Tiertransporte, qualitativ besseres Fleisch“, sagt Bettina Lehmann, die ihrem Mann im Büro den Rücken freihält. „Wir haben hier fünf Angestellte, wieso benötigen wir eine Arbeitszeitdokumentation wie ein Großschlachthof? Warum kriegen Großbetriebe Mengenrabatte bei der Entsorgung von Schlachtabfällen, während wir kleinen Landschlachtereien höhere Preise bezahlen müssen? Wieso müssen wir Gebühren für uns vom Staat aufgezwungene Regelkontrollen bezahlen? Da muss sich endlich was ändern!“

Damit zählt Bettina Lehmann zugleich drei von zehn Forderungen der Nationalmannschaft des Deutschen Fleischerhandwerks auf: 50 000 Unterschriften wollte die sammeln, damit sich der Bundestag endlich mit der Situation der kleinen Landschlachtereien beschäftigt. „Da stehen wir voll dahinter“, sagt Lutz Lehmann und zeigt auf die neue Betäubungszange, in den Händen seines Gesellen. „Das ist auch so ein Gerät, dessen Anschaffung uns aufgezwungen wurde. Kostet ein paar tausend Euro, ausgestattet mit Chip, damit jeder Stromstoß ausgelesen und überwacht werden kann. In der Großindustrie macht das ja vielleicht Sinn. Aber bei uns hier? Wo die Bauern oft neben ihrem Vieh stehen, wenn ich schlachte?“

„Wir bestimmen unsere Preise selbst“

Dabei finden die Lehmanns die EU-Auflagen nicht per se schlecht. „Immerhin haben wir mit einer EU-Förderung in Räume, Ausrüstung und Maschinen investieren können. Gleichzeitig aber wurde für die Förderung die Direktvermarktung von Produkten zur Bedingung gemacht. Hieß konkret: Ein Hofladen war Bedingung. Wir wurden also gezwungen, zusätzlich zu investieren und hatten noch mehr Arbeit als ohnehin schon. Und mein Mann fragte sich, wer soll denn hier rauskommen? Irgendwo ins Nirgendwo an der B5? Zum Glück hat er sich geirrt.“

Der kleine Hofladen ist seit 2010 jeden Freitag geöffnet. Die Lehmanns bestimmen ihre Preise selbst. Und die Kunden kommen inzwischen sogar aus Berlin. Und alle sind bereit, ein paar Euro mehr zu bezahlen – für Qualität, wie sie eben nur eine regionale Landfleischerei bieten kann…

Forderungen der Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks:

  1. Weg mit der Arbeitszeitdokumentation wie in der Industrie für kleine Familienbetriebe
  2. Einheitliche Entsorgungsgebühren – weg mit den Mengenrabatten
  3. Bestandsschutz für traditionelle Landschlachtereien
  4. Einheitliche Untersuchungsgebühren pro Tier
  5. System der Rückverfolgbarkeit von Fleischprodukten darf nicht ausgehebelt werden
  6. Tierschutz ist selbstverständlich – nicht aber der Zwang zur Anschaffung von Geräten und Maschinen, die nur in der Großindustrie sind machen
  7. Mehr Zeit für Kassenumrüstung
  8. Lebensmittelkontrollen müssen den Strukturen eines Handwerksbetriebs angepasst sein
  9. Gebührenfreie staatliche Kontrollen
  10. Keine Benachteiligung im Wettbewerb und Handel
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