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Blog Die Zähmung der Widerspenstigen

Nach fast 30 Jahren im Beruf, als Geselle, Meister und Firmeninhaber änderte Dennis Wildner sein Leben. Er wurde Ausbilder in der Ausbildungsstätte der Handwerkskammer in Hennickendorf. Im Interview spricht er über die Herausforderung seines Lebens, kritische Meisterschüler und das schönste Lob in seinem Job.

© HWK-FF.DE // Mirko Schwanitz

Ausbilder Dennis Wildner über Herausforderung seines Lebens und das Schönste am Job

Ausbildung: Nach fast 30 Jahren im Beruf, als Geselle, Meister und Firmeninhaber änderte Dennis Wildner sein Leben. Er wurde Ausbilder in der Ausbildungsstätte der Handwerkskammer in Hennickendorf. Im Interview spricht er über die Herausforderung seines Lebens, kritische Meisterschüler und das schönste Lob in seinem Job.

DHB: Herr Wildner, mir scheint, Sie essen gern.

Dennis Wildner (lacht): Sieht man das! Ja, essen hält Leib und Seele zusammen. Sie werden es nicht glauben, ursprünglich wollte ich Koch werden.

DHB: Wie bitte?

Dennis Wildner: Radiotechniker wäre auch was gewesen. Aber um in der DDR da eine Ausbildung zu bekommen, wären ein paar Beziehungen notwendig gewesen. Konnte ich mir also abschminken. Eines Tages kam mein Vater und sagte: Du wirst Installateur!

DHB: Da haben Sie erstmal `ne „Flappe“ gezogen…

Dennis Wildner: Könnte man so sagen. Wie auch nicht. Vielleicht war das die größte Herausforderung meines Lebens. Zu akzeptieren, nicht immer das machen zu können, was man eigentlich gern machen möchte.

DHB: Wenn man etwas gegen seinen Willen lernen muss, wie wird man dann so gut, wie Sie es offensichtlich sind?

Dennis Wildner: Danke für die Blumen. Ob ich wirklich so gut bin, müssen andere beurteilen. Ich glaube, es geht grundsätzlich darum, wie man mit Herausforderungen im Leben umgeht. Ob man sie annimmt. Oder hadert.

DHB: Sie haben nicht gehadert?

Dennis Wildner: Schon. Aber ich hatte in diesem Moment eben keine andere Wahl. Und es ist vielleicht mein Naturell, immer aus der Gegenwart das Beste zu machen.

„Fehler konntest du dir erlauben, Unpünktlichkeit nicht“

DHB: Wie sah das damals aus?

Dennis Wildner: Na ja, ich bin von meinem Vater ja nicht als Anfänger ins kalte “Installateurwasser” gestoßen worden. Er selbst war ja nach seiner Ausbildung zum Klempner und Installateur jahrelang im Handwerk tätig, bevor er sich zum Karrosserieklempner und später zum Meister weiterbildete. Im ehemaligen VEB Kühlautomat Berlin leitete er eine große Härterei, und studierte noch Maschinenbau und Ökonomie. Und auf unserem Wochenendgrundstück wurde nach Feierabend, wie man in der DDR sagte, „gepfuscht“. Da bekam ich als Sohnemann schon einiges mit.

DHB: Als Sie in die Lehre kamen konnten Sie also bereits mit dem Lötkolben umgehen?

Dennis Wildner: Nicht nur das. Wir hatten eine Wohnung in einem heruntergekommenen Haus in Weißensee. Da hatte ich mit Vaddern eine komplette Heizung eingebaut, das Bad neu gemacht. Ich könnte mehr, als nur mit dem Lötkolben umgehen. Ich wusste, wie man Stahlrohre biegt, Gewinde schneidet, Anschlüsse hanft…

DHB: Da muss die Ausbildung ja langweilig gewesen sein?

Dennis Wildner:  Sagen wir mal so. Wir hatten ein, sagen wir mal, sanierungsbedürftiges Haus in Berlin-Weißensee. Da hatte ich mit Vaddern eine komplette Zentralheizung eingebaut, sowie das Bad neu gemacht. Ich konnte schon etwas mehr, als nur mit dem Lötkolben umgehen. Ich wusste schon ein wenig, wie man Stahlrohre biegt, Gewinde schneidet und einhanft…

DHB: Erinnern Sie sich an Ihren eigenen Lehrmeister?

Dennis Wildner: Das war so eine alter „Graupel“. Aber zackig. Akkurat. Und fair! Ordentlich musste die Arbeit aussehen. Deutsche Tugenden waren ihm wichtig. Fehler konntest du dir erlauben. Unpünktlich sein nicht. Selbst wenn du durch halb Berlin fahren musstest.

DHB: Waren Sie gehorsam?

Dennis Wildner (lacht): Na ja, wir waren auch mal jung und haben sicher den gleichen Unfug gemacht,

wie die Lehrlinge ihn heute auch machen. Aber Nein, das stimmt nicht ganz: Es war auch anderer Unfug dabei.

„Mein Vater hatte schnell sieben Mitarbeiter und zwei Lehrlinge“

DHB: Was war anders?

Dennis Wildner (lacht): Wir waren lauter. Es gab keine Smartphones. Wir haben uns also unterhalten, rumgeturnt, sind aus dem Fenster geklettert und zum nächsten Döner gegangen. Ging natürlich nur solange gut, bis ein Ausbilder auch mal Hunger hatte. Solche Sachen halt. Lauschen Sie mal! Hören Sie was?

DHB: Nein.

Dennis Wildner: Sehen Sie. Es ist Pause. Und die meisten sitzen vor ihren Smartphones und wischen über ihre Displays. Sich unterhalten, in der Pause mal über was diskutieren, auch laut – das hat heute schon fast Seltenheitswert.

DHB: Wie sind Sie eigentlich hier gelandet? Sie hatten doch eine eigene Firma?

Dennis Wildner: Stimmt. Aber das ist eine lange Geschichte?

DHB: Wir lieben Geschichten…

Dennis Wildner: Nach der Lehre stieg ich bei meinem Vater ein. Der hatte in der DDR acht Jahre vergeblich um eine Gewerbezulassung gekämpft. Für die damalige Handwerkerkaste war jeder neue aber eine potentielle „Gefahr“. Die Argumentation ging ungefähr so: Herr Wildner, wir kriegen für 200 Handwerker Material. Wenn wir sie zulassen würden, müssten wir mit noch jemanden teilen. Das können wir nicht. Baumaterial war in der DDR mehr als knapp vorhanden. Es werden sich bestimmt noch viele mit Grausen daran erinnern…

DHB: Das war mit dem Mauerfall 1989 natürlich vorbei…

Dennis Wildner: Stimmt. Der Firmensitz meines Vaters war die Garage auf dem Gartengrundstück. Das Firmenfahrzeug, der Trabi mit dem Anhänger. Der Pionier (ein mobiler, klappbarer Rohrschraubstock), Gewindekluppe und Rohrzangen kamen auf den Hänger so los ging es zum Kunden. Die Auftragsbücher füllten sich schnell. Der halbe Osten wollte umbauen, anbauen, abreißen, strangsanieren. Es war genug Arbeit da. Mein Vater hatte schnell sieben Leute und zwei Lehrlinge.

DHB: Und sie…

Dennis Wildner: … und mich. Andere wurden nach der Wende arbeitslos. Oder gingen in den Westen. Manche haderten mit ihrem Schicksal. Wir hatten keine Zeit zu hadern. Zuviel Arbeit…

DHB: Handwerk hatte auch damals goldenen Boden…

Dennis Wildner: Gold musst du dir aber hart verdienen. Das wird bei dem Satz oft vergessen, in dem ja immer auch ein gewisser Neid mitschwingt. Aber ja, es lief hervorragend. Mein Vater baute einen neuen Firmensitz. Im Jahr 2000 wollte er kürzertreten. Er schloss seine Firma. Ich hatte inzwischen meinen Meister gemacht, machte zeitgleich eine neue Firma auf und übernahm einen Teil der Mitarbeiter. Es lief gut. Für den Kunden änderte sich nichts. Ich übernahm natürlich die Betreuung weiterhin.

„Nach dem ersten Tag wollte ich hinschmeißen. Nach einer Woche gab ich Unterricht“

DHB: Wenn es so gut lief, warum haben Sie die Firma aufgegeben?

Dennis Wildner: Ich hatte irgendwann für mich eine Entscheidung getroffen. Ich wollte mehr Zeit für mich. Für meine Familie. Ich hatte die Firma verkleinert, mich auf Kundendienst spezialisiert. Ich wollte die Wochenenden nicht mehr nur im Büro verbringen. Ich habe in den 30 Jahren nach der Wende nur ein einziges Mal einen zusammenhängenden Urlaub von 14 Tagen gemacht. Und als man mich 2018 fragte, ob ich nicht Ausbilder in Hennickendorf werden wolle, lag auch der schon wieder 12 Jahre zurück.

DHB: Was ging Ihnen nur den Kopf, als Sie gefragt wurden?

Dennis Wildner: Zwei Fragen: Will ich das? Kann ich das?

DHB: Und sie wollten…

Dennis Wildner: Es gab wie überall eine Einarbeitungszeit. Nach dem ersten Tag wollte ich hinschmeißen… Nach dem zweiten Tag wollte ich hinschmeißen… Am dritten Tag ertappte ich mich beim überlegen, wie ich den Unterricht machen würde. Nach einer Woche gab ich dann schon meinen ersten Unterricht.

DHB: Und wie war es?

Dennis Wildner: Ich habe geschwitzt. Aber es hat mir auch einen Kick gegeben. Und als nach den ersten fünf Tagen ein Schüler im Vorbeigehen sagte: „Herr Wildner, die Woche mit Ihnen hat Spaß gemacht“, hab ich wieder was gelernt. Da war das Eis sozusagen gebrochen. Das ich wollte, wusste ich da schon. Dass ich es auch konnte, das sagte mir jetzt dieser Schüler.

DHB: Worauf legen Sie Wert?

Dennis Wildner:  Sauberes und sicheres Arbeiten. Neugier wecken. Logisches Denken fördern. Das wird in mancher Schule offenbar nicht mehr gelehrt. Selbstständigkeit. Aber auch Teamarbeit. Humor ist mir wichtig. Vor allem aber: Respekt voreinander. Zoten sind bei mir schon mal erlaubt. Sind sie aber herabwürdigend oder gar rassistisch, gibt’s klare Ansagen bei mir.

DHB: Ist die junge Generation so schlimm, wie ihr oft nachgesagt wird?

Dennis Wildner: Haben nicht unsere Eltern schon von uns als schlimmer Generation gesprochen? Alles Quatsch. Jede Generation muss sich abgrenzen, sich selbst ausprobieren. Das haben wir auch gemacht. Das machen unsere Kinder. Kinder sind so, wie wir sie erziehen. Das heißt, wenn wir unsere Lehrlinge sehen, ihre Stärken und ihre Schwächen, dann sehen wir in allererster Linie unsere eigenen Erfolge und unser eigenes Versagen.

„Gute Aussichten. Je weniger Handwerker, umso bessere Verdienstmöglichkeiten“

DHB: Was heißt das?

Dennis Wildner: Ein Beispiel. Wenn ich früher mit meinen Eltern rausging, dann ging ich entweder zehn Meter hinter oder vor ihnen. Nicht, weil ich sie nicht mochte. Sondern einfach um zu zeigen: seht her, ich bin selbstständig. Ich kann das schon. Und meine Eltern ließen mich. Heute gibt es Lehrlinge, die werden jeden Tag von Omilein hergefahren und von Opilein abgeholt. Ich weiß nicht, ob das der Selbstständigkeit zuträglich ist. Das meine ich mit Spiegel. Heute meint man, man könne doch seinem Filius keine Stunde Fahrt zur Ausbildungsstätte zumuten. Sorry: Man kann nicht nur. Man muss!!!

DHB:  Wie erleben Sie das Interesse am Handwerk?

Dennis Wildner: Entgegen den Sorgen, es würden immer weniger Auszubildende, erlebe ich eher wieder stärkere Ausbildungsklassen. Die demografische Wendedelle ist vorbei. Es wurden wieder mehr Kinder geboren. Und das merken wir auch in den Ausbildungszahlen. Aber es reicht sicher immer noch nicht, um den Bedarf an Handwerk zu decken. Ich sage meinen Lehrlingen immer. Ihr habt gute Aussichten:  je weniger Handwerker, umso mehr Verdienstmöglichkeiten für Euch! Ich glaube Philosophiestudenten haben es da schwerer.

DHB: Sie haben lange Jahre in der Innung Ober- und Niederbarnim mitgearbeitet, in der Vollversammlung der Handwerkskammer engagieren sich ehrenamtlich. Warum?

Dennis Wildner: Ich empfand auch als selbstständiger Handwerker, Innungen und die Handwerkskammer immer als wichtige Stimme. Ich glaube einfach nicht, dass die Interessen von Handwerkern irgendwo Gehör fänden, wenn wir über die Kammern nicht Zugang in die Politik hätten. Ich weiß, dass manche Kollegin, mancher Kollege mit mir da nicht einer Meinung sind. Doch ich bin überzeugt, dass ohne diese Selbstverwaltungsinstrumente Steuern oder Beratungskosten höher, der Verwaltungsaufwand noch schlimmer wäre – um nur einiges zu nennen. Und auch heute habe ich noch eine Gastmitgliedschaft in unserer Innung. Wichtig ist mir immer der Erfahrungsaustausch und Das Miteinander der Berufskollegen.

DHB: Bleibt bei alldem noch Zeit für ein Hobby?

Dennis Wildner: Ich habe damals parallel mit der Meisterschule auch, das sogenannte grüne Abitur, den Jagdschein gemacht. Und versuche ab und an regelmäßig auf die Pirsch zu gehen. So erde ich mich, komme vom Alltag runter. Kann über viele Dinge nachdenken. Aber auch abschalten. Und mich konzentrieren.

DHB: Haben Sie dabei auch schon mal darüber nachgedacht, was das schönste am Job des Ausbilders ist?

Dennis Wildner: Die Zähmung der Widerspenstigen! Die Herausforderungen, die das Arbeiten mit jungen Menschen mit sich bringt. Und in den Meisterkursen, der Erfahrungsaustausch mit gestandenen Kollegen.  Schwer zu sagen, was das Schönste ist: Mein Wissen weitergeben zu können vielleicht. Ja, das ist es!

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