Herzblut und Leder | HWK-FF.DE

Zu Besuch im Handwerk Herzblut und Leder

© HWK-FF.DE // Mirko Schwanitz

SATTLERHANDWERK: SCHON IN DER SCHULZEIT REPARIERTE SIE DAS ZAUMZEUG IHRES PFERDES SELBER. IN EINEM SCHÜLERPRAKTIKUM ERFUHR DIE ABITURIENTIN, DASS ES DAFÜR AUCH EINEN BERUF GIBT. INZWISCHEN IST KAROLIN WERKMEISTER SATTLERIN AUS LEIDENSCHAFT. UND GIBT IHR WISSEN AN DIE JUNGE GENERATION WEITER. Von Mirko Schwanitz

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DHB: Die meisten Jugendlichen, die heute die Schule beenden, wissen mit dem Begriff Sattlerin nichts anzufangen. Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Karolin Werkmeister: Ich hatte in meiner Jugend ein Pferd. Und beim Aufsatteln ist mir mancher Riemen, manche Naht am Zaumzeug kaputtgegangen. Aber damals war meine Stute noch sehr jung. Und auch Jungpferde müssen lernen, da geht das eine oder andere immer kaputt. Irgendwann fing ich an, das selbst zu reparieren. Meine Mutter meinte irgendwann, es gebe einen Beruf, in dem sowas professionell gemacht würde.

DHB: Und dann? Haben Sie ein Praktikum in einem Sattlerbetrieb gemacht?

Karolin Werkmeister: … und es hat zooom gemacht? (lacht) Nein. Aber es hat mir doch so gut gefallen, dass ich den mir angebotenen Ausbildungsplatz nach dem Abi tatsächlich angenommen habe.

DHB: Wie viele MitschülerInnen sind denn noch ins Handwerk gegangen?

Karolin Werkmeister: Nicht viele. Ich weiß jedenfalls noch sehr gut, dass mich im letzten Schuljahr viele komisch anguckten. Wie, du machst’ne Lehre? Wozu quälst du dich denn dann durchs Abi? Und klar, wenn ich heute zurückblicke, es wäre nicht unbedingt notwendig gewesen.

 

„Ich bin stolz auf meinen Meisterbrief“

 

DHB: Also war das Abi verlorene Zeit?

Karolin Werkmeister: Auf keinen Fall! Wir leben in einer Zeit, in der man sich ständig weiterbilden muss.  Handwerk ist nicht mehr wie früher, wo der Großvater oder die Großmutter die Werkzeuge an Vater oder Mutter und die an die Kinder vererbten. Man braucht heute also viel mehr noch als früher eine positive Haltung gegenüber dem lebenslangen Lernen. Und im Abitur lernt man auch wie man effektiv und selbstständig lernt. Das hat man dann so manchem in der Berufsschule voraus.

DHB: Was war, es, dass sie von Beginn an diesem Beruf so reizte?

Karolin Werkmeister: Wenn es um Sättel geht – dass unter den eigenen Händen etwas entsteht, dass Mensch und Tier gleichermaßen glücklich macht. Jeder Sattel, den man kauft, muss angepasst werden, denn jedes Tier ist anders anatomisch gebaut. Machen Reiter das nicht, wird das Tier Schmerzen haben.

DHB: Haben Sie sich nach ihrer Ausbildung gleich selbstständig gemacht?

Karolin Werkmeister: Hätte ich machen können, denn für den Sattlerberuf besteht leider keine Meisterpflicht mehr. Ich habe aber erst mal ein halbes Jahr in meinem Ausbildungsbetrieb und danach zwei Jahre in den Niederlanden Erfahrungen gesammelt. Mich in der Fremde selbstständig zu machen, kam für mich nicht in Frage. Da es in der Heimat aber keinen Sattlerbetrieb mit Fachrichtung Reitsport gab, der mich eingestellt hätte, war die Selbstständigkeit die einzige Option.

DHB: Sie haben aber trotzdem den Meister gemacht?

Karolin Werkmeister: Das war für mich von Beginn an klar. Als Lehrling mit den entsprechenden Leistungen hatte ich das Meisterstipendium gewonnen. Und innerhalb von drei Jahren nach der Ausbildung muss man beginnen. Ein System, das ich nicht in Ordnung finde. Ich würde das ändern. Unabhängig davon ist die Meisterausbildung ist ein Gütesiegel. Ich bin verdammt stolz auf meinen Meisterbrief.

DHB: Wenn Sie an den Beginn Ihrer Selbstständigkeit denken, war die Meisterschule da hilfreich?

Karolin Werkmeister: Nicht wirklich. Ohne Meisterschule wäre ich nicht im Ernst auf die Idee der Selbstständigkeit gekommen Aber der Spirit unter den Kollegen dort und der Zusammenhalt im Bundesverband (BVFR) haben mir Mut gemacht. Schon einen Businessplan in unserem Gewerk zu erstellen, ist eine große Herausforderung. Wie groß ist in meiner Region der Bedarf an Sattlerdienstleistungen? Wie hoch muss der Umsatz sein? Und: Kann ich den wirklich erwirtschaften? Das hat das Ganze ziemlich spannend gemacht. Aber am Ende ist es das, was man haben muss: Mut zum Risiko.

DHB: Und, hat der Businessplan in der Realität funktioniert?

Karolin Werkmeister: Es kam alles ganz anders als erwartet. Mein Betrieb steht heute auf zwei Säulen. Dem Vertrieb von ausgewähltem Reitsportbedarf und den anpassenden Dienstleistungen am Pferd.  Ab und an erledige ich auch Aufträge, die nichts mit Reiterei zu tun haben.

DHB: Was ist das Schönste an ihrem Beruf?

Karolin Werkmeister: Für mich? Der Kontakt mit den Tieren. Kunden können manchmal schwierig sein. Da braucht man innere Ruhe und nicht selten starke Nerven. Hatte ich schon erzählt, dass ich mir zu Beginn des Abiturs auch hätte vorstellen können, Psychologie zu studieren? Also: Sattlerei ist mehr als der Geruch nach Leder, das Anpassen der Sättel oder die Haptik des Zaumzeugs…

„Handwerk 4.0 ist auch, was einer im Kopf hat“

DHB: Wir haben von der Notwendigkeit der Weiterbildung gesprochen. Aber in ihrer Werkstatt sieht es nicht gerade nach Handwerk 4.0 aus?

Karolin Werkmeister (lacht): Stimmt. Mein Nähross, auf dem ich Riemen mit Gegenstichen zusammennähe, könnte auch in einem historischen Film mitspielen. Aber 4.0 meint nicht immer nur modernes Werkzeug und Maschinen.

DHB: Sondern?

Karolin Werkmeister: Handwerk 4.0 meint auch das, was wir Handwerker im Kopf haben. Und das sind in meinem Beruf vor allem Studien. Neues Wissen, wie man Reitzeug an die individuelle Anatomie eines Pferdes anpasst. Das Tierwohl und die Sicherheit des Reiters, spielt heute eine viel stärkere Rolle, als noch vor 30 Jahren. Wir setzen dieses Wissen in Material und Konstruktion, in Naht und Polsterung um – man sieht einem Sattel weder High-tech noch das Wissen an, das in ihm steckt. Die Kundinnen und Kunden wollen heute moderne Sättel, etwa mit Carbon-Sattelbäumen und High-End-Produkten.

DHB: Ein Wissen, dass Sie gerne weitergeben?

Karolin Werkmeister: Natürlich. Was passiert sonst mit unserem Wissen, wenn wir es nicht an die nächste Generation weitergeben. Oder können Sie sich vorstellen, wie es dem Pferdesport ergeht, wenn die Sattlerei ausstirbt? Nein, ich gebe mein Wissen gern weiter. Ich will aber nicht nur mein Wissen weitergeben, sondern auch meine Leidenschaft, meine Passion für diesen Beruf. Und dazu braucht es auch den aufnahmebereiten und begeisterungsfähigen Azubi.

DHB: Was ist für Sie ein begeisterungsfähiger Azubi?

Karolin Werkmeister: Jemand, der sich nicht vor blutenden Fingern fürchtet. Dass man sich mit einer Ahle oder Nadel sticht, gehört bei meinem Beruf einfach dazu. Jemand der neugierig ist natürlich und Lust hat, sich auf die Kunden und deren Tiere einzulassen. Jemand, der sich für die ganze Breite des Berufes interessiert. Denn auch wenn der Begriff Sattlerei vom Sattelmachen kommt, so macht ein Sattler doch viel mehr als nur Sättel. Es ist ein Beruf, den ein junger Mensch nur mit Herzblut erlernen kann.