Mit Vergnügen ins Mett | HWK-FF.DE

Zu Besuch im Handwerk Mit Vergnügen ins Mett

© HWK-FF.DE // Mirko Schwanitz

30 JAHRE DEUTSCHE EINHEIT: DER EINIGUNGSVERTRAG WURDE AM 31. AUGUST 1990 GESCHLOSSEN ER VERÄNDERTE MILLIONEN LEBENSLÄUFE, SICHERTE DEN OSTDEUTSCHEN PERSPEKTIVEN UND VERLANGTE VON IHNEN ENORME ANPASSUNGSLEISTUNGEN. OHNE HANDWERKSBETRIEBE UND LEUTE MIT MUT FÜR DEN WEG IN DIE SELBSTSTÄNDIGKEIT WÄRE DIE VEREINIGUNG KEINE ERFOLGSGESCHICHTE GEWORDEN.

Am Ortsausgang riecht Lychen nach geräucherter Wurst. Im Lichthof der Produktionsstätte der Fleischerei Mull hängen Schlackwürste und Salami. In der früheren Verkaufsstelle von Matthias Mulls Eltern füllt eine Mitarbeiterin letzte frische Salate für die vier Verkaufsstellen ab. Die Räucherkammern sind leer. Das Wochenende naht. Matthias Mull (53) erledigt noch einige Bestellungen. In diesem Jahr feiert er sein 30jähriges Meisterjubiläum.

 

DHB:  Herr Mull, Sie sind hier, in der Fleischerei ihrer Eltern großgeworden. Blieb Ihnen gar nichts anderes übrig, als Fleischer zu werden?

Matthias Mull: Im Prinzip war es so. Eigentlich wollte ich einen Metallberuf erlernen. Aber in der der DDR herrschte Planstellenpolitik. Und als ich in die Lehre gehen wollte, war gerade keine Planstelle frei. Und damit auch keine Lehrstelle.

DHB: Und da haben Sie mit Widerwillen ins Mett gegriffen?

Matthias Mull: Um Gottes Willen, nein! Eher mit Vergnügen. Ich mochte den Beruf meiner Eltern. Meine zwei Geschwister und ich haben gern mitgeholfen.

DHB: Wie haben Ihre Eltern denn das geschafft?

Matthias Mull: Ganz einfach: Wir bekamen nie Taschengeld. Aber wenn wir halfen oder in den Ferien arbeiteten, hat mein Vater uns gut bezahlt. Kaum zu glauben, aber wir sind alle drei mit Vergnügen Facharbeiter für Fleischerzeugnisse geworden.

DHB: Was hat denn so viel Vergnügen bereitet?

Matthias Mull: Ich war immer fasziniert davon, wie viel Wurstsorten man aus einer Sorte Fleisch machen kann. Bevor mein Vater 1966 die Fleischerei seines Großvaters übernahm, arbeitete er als Produktionsleiter in Meißen. Er hat sozusagen die sächsische Fleischerkunst aus Meißen nach Lychen „importiert“. Alles oberhalb von Sachsen war für ihn Wurstentwicklungsland.

DHB: Hat er Sie deshalb in die Lehre auch nach Sachsen geschickt?

Matthias Mull: Ja und Nein. Zum einen kannte er dort einen sehr guten alten Lehrmeister. Zum anderen hatte der Bezirk Dresden allein 90 private Fleischereien. Und die – auch das ist kaum zu glauben – leisteten sich eine eigene Berufsschule im Keller einer EOS.

„Nach einem halben Jahr war das Fleischkontingent alle“

DHB: 1986 hatten Sie ausgelernt. Im selben Jahr begannen Sie im Betrieb ihres Vaters. Wie war damals die Situation für eine private Fleischerei?

Matthias Mull: Wenn ich sagen würde schlecht, wäre das glatt gelogen. Wenn ich sagen würde gut, würde das auch nicht stimmen.

DHB: Trifft der Begriff „kompliziert“?

Matthias Mull: Genau. Zu tun hatten wir genug. Die Planwirtschaft hatte ihre Vorteile. Wir hatten nämlich einen „Versorgungsauftrag“. Wir belieferten 20 Kinderferienlager in der Umgebung und den Konsum.

DHB: Und was machte es nun kompliziert?

Matthias Mull: Lychen hatte 2500 Einwohner und alle Zuteilungen wurden auf diese Zahl berechnet. Das Lychen aber in den Ferienzeiten 50 000 Urlauber hatte, hatte man in den Fünf-Jahres-Plänen nicht berücksichtigt. Das uns zugeteilte jährliche Fleischkontingent war im Prinzip schon vor Ende der ersten Jahreshälfte aufgebraucht. Also herrschte immer Mangel.

DHB: Und wie haben Sie das gelöst?

Matthias Mull: Durch gute Kontakte. Es fehlte an allem: Es gab keine Därme für die Würste, keine Gewürze. Pfeffer wurde fast mit Gold aufgewogen. Ohne die Hilfe der privaten sächsischen Fleischer wären wir hier aufgeschmissen gewesen. Zur Wendezeit musste ich ganze Schweinehälften von dort holen. Es gab enorme Schlangen vor unserem Laden. Aber es hieß: Wenn du überhaupt noch was kriegen willst, musst du zu Mull gehen. Meine Eltern zermarterten sich jeden Abend den Kopf, wie sie die Leute versorgen sollten.

DHB: Wie haben Sie die Wende hier in Lychen erlebt?

Matthias Mull: In den Tagen des Mauerfalls machte ich den letzten Teil meiner Meisterausbildung in Berlin. Wir konnten von der Schule in den Hof der Stasi-Fahrbereitschaft gucken. Na, da war vielleicht was los! Aber ich dachte mir erst gar nichts dabei. Und dann hieß es, die Grenze sei offen. Im Dezember bin ich dann das erste Mal nach Westberlin…

DHB: … und haben zum ersten Mal eine Fleischerei im Westen besucht?

Matthias Mull: Klar. Und ich dachte, was ist denn das hier für ein „Fliesenfachgeschäft“. Es roch auch kein bißchen nach Wurst. Wenn es bei uns was gab, dann roch man das auf der ganzen Straße und die Würste hingen sogar unter der Decke.

„Ohne Parkplätze weniger Umsatz“

DHB: Ist das bei Ihnen heute noch so?

Matthias Mull: Schön wär’s. Heute ist es verboten, dass Würste unter der Decke hängen. Alles muss in der Kühlung liegen oder vakuumverpackt sein. Da riecht nichts mehr so wie es soll.

DHB: Wie war das, als sie das erste Mal auf einen westdeutschen Fleischgroßmarkt fuhren?

Matthias Mull: Das darf ich gar keinem erzählen. Mit einer Tasche voller Bargeld. Die Verkäufer nannten ihre Preise, ich sagte: Okay. Und die guckten ganz verdattert. Handeln war ich ja gar nicht gewöhnt. Ich kann heute noch die TGL-Preise im Schlaf aufsagen…

DHB: Das glauben wir nicht…

Matthias Mull: Das Kilo Bierschinken: 10,20 Ost-Mark. Das Kilo Bockwurst: acht Ostmark. Wiener Würstchen: neun Ost-Mark. Rinderfilet: 13,10 Ost-Mark. Wollen Sie noch mehr hören?

DHB: Danke das reicht… Gab es wirklich Rinderfilet?

Matthias Mull: lacht

DHB: Wo einst drei Generationen lang das Geschäft Ihrer Familie war, ist heute nur noch Produktionsstätte. Warum haben Sie das aufgegeben?

Matthias Mull: Nach der Wende wurde die Kaufhalle nebenan abgerissen. Die Stadt konnte sich mit einer interessierten Supermarktkette nicht einigen. Die Leute begannen nur dort einzukaufen, wo auch Parkplätze waren. Es begann eine harte Zeit, die Umsätze im Laden gingen trotz „bunter Wurst“ kontinuierlich zurück. Erst als sie in den Supermarktketten Filialen eröffneten, stimmten die Zahlen wieder. Die Marktwirtschaft selbst wurde unser neuer Lehrmeister.

DHB: Was ist für Sie gutes Fleisch?

Matthias Mull: Es kommt auf den Bauern an, das Futter, die Rasse, die Lebenszeit des Tieres und seinen schonenden Transport zum Schlachthof. Meiner Meinung nach hat die Qualität des Fleisches nicht so viel mit der Haltung zu tun, wie immer behauptet wird.

DHB: Woher beziehen Sie ihr Fleisch?

Matthias Mull: Ich arbeite schon seit Jahren mit zwei Schlachthöfen. Mit Tönnies in Weißenfels und einem anderen in Perleberg. Beide liefern sehr gute Qualität. Ich kann von der Fleischqualität jedenfalls nicht auf die Arbeitsbedingungen dort schließen, wenn Ihre Frage dahin zielt. Wenn sie eine bestimmte Tonnage verarbeiten wie wir, haben sie gar keine andere Wahl, als mit großen Schlachthöfen zusammenzuarbeiten.

 „Die Suche nach Azubis ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen“

DHB: Wann haben Sie haben das Geschäft von Ihren Eltern übernommen?

Matthias Mull: Übernommen ist nicht das richtige Wort. Betriebsübergaben sind immer ein heikles Thema. Ich habe meiner Mutter das Geschäft 2002 abgekauft. Habe dafür aufgenommene Kredite auf Heller und Pfennig abbezahlt. Das war nicht immer einfach.

DHB: Haben Sie die Übernahme je bereut?

Matthias Mull: Nein. Ich liebe meinen Beruf. Doch hinter unserem Erfolg steht auch mein starke Frau. Ich hab sie mir aus Sachsen „mitgebracht“. Egal was kommt, wir halten immer zusammen und haben so manchen Orkan überlebt. Das können Sie mir glauben. In einer Firma wie der unseren mit 36 Mitarbeitern müssen wir als Paar an einem Strang ziehen. Einer allein schafft das nicht.

DHB: Bilden Sie auch aus?

Und ich liebe meine 36 Leute. Irgendwie sind alle Familie. Von den 12 Lehrlingen, die ich in der Zeit nach der Übernahme ausgebildet habe ist mehr als die Hälfte bei mir geblieben. 2009 hatte ich den letzten Lehrling. Das war mein eigener Sohn.

DHB: Seitdem haben Sie nicht mehr ausgebildet?

Matthias Mull:  Wir suchen immer gute Lehrlinge. 2009 habe ich den letzten ausgebildet. Seitdem hatten wir 18 Bewerber. Die meisten kamen vom Arbeitsamt. Keiner hat die Minimal-Anforderungen durchgehalten: Früh aufstehen, zuverlässig sein, Interesse zeigen…

DHB: Woran liegt das?

Matthias Mull: Ich denke vor allem an der Erziehung. Körperlicher Arbeit scheint in den vielen der heutigen Elternhäuser ein Makel anzuhaften. Disziplin oder sich einfach mal durchzubeißen, wird kaum mehr verlangt. Ich bin für den Sozialstaat, aber einen der fordert und Hilfen an Bedingungen knüpft.

DHB: Was ist Ihre erste Frage, wenn sich jemand bei Ihnen bewirbt?

Matthias Mull: Warum willst Du diesen Beruf lernen? 2002 kam eine alte Dame zu mir. Sie sagte, sie habe einen Enkel. Ob ich ihn einstellen wurde. Der Junge stotterte, war überall untergebuttert worden. Aber er brannte für den Beruf. Wenn am Tag die für Lehrlinge vorgeschriebene Arbeitszeit abgelaufen war, sagte ich: Komm Junge, geh nach Hause. Aber der rückte mir auf die Pelle und blieb immer länger. Der hat heute die Meisterurkunde, dazu Betriebswirtschaft studiert und sich selbstständig gemacht. Die Suche nach solchen Lehrlingen gleicht heute der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

DHB: Was sehen Sie, wenn Sie in die Zukunft sehen?

Matthias Mull: Mit mir, dem Handwerker in der vierten Generation, ist das Kapitel Fleischerei Mull abgeschlossen. Ich sehe, wann in etwa das Licht hier ausgeht. Interview: Mirko Schwanitz

Mirko Schwanitz

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