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Andreas Lagansky ist seit 28 Jahren Ausbilder für angehende Zimmermänner und – frauen. Wir sprachen mit ihm über Ausbildungssoftware, fehlenden Support und den Verlust praktischer Fähigkeiten.

Andreas Lagansky mit der von ihm entwickelten Software
Andreas Lagansky

DHB: Herr Lagansky, was ist das für eine merkwürdige Konstruktion da auf Ihrem Tisch?

Andreas Lagansky: Sie meinen sicher diese Konstruktion hier. Das ist mein Meisterstück.

DHB: Sieht aus, wie das Modell eines Dachstuhlteils.

Andreas Lagansky: Das stimmt. Dabei ging es damals darum, zu zeigen, dass man die hochkomplexe Zimmermannstechnik des „Schiftens“ beherrscht.

DHB: „Schiften“? Ich kenne nur die „Shift“-Taste am Computer…

Andreas Lagansky: Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen kleinen Dachstuhl für Ihr Gartenhäuschen zimmern und wollen alle Teile vorher zuschneiden, so dass Sie sie auf der Baustelle nur noch zusammenbauen müssen. Sie müssen jede Ecke, jede Kante, jede Schräge, jeden Winkel vorher vorgedacht und auf Maß zugeschnitten haben, wenn möglich millimetergenau. Und genau das ist es, was Zimmerleute das „Schiften“ nennen.

DHB: Sie gelten als Spezialist für diese besondere technische Fähigkeit, haben als Autodidakt dafür sogar eine spezielle Lernsoftware für die Ausbildung von Lehrlingen und Meisterschülern entwickelt. Wie kam es dazu?

Andreas Lagansky: Das ist eine lange Geschichte….

DHB: Wir lieben lange Geschichten – wenn sie spannend sind.

“Ich wollte nie Zimmermann werden” 

Andreas Lagansky: Ehrlich. Ich wollte eigentlich nie Zimmermann werden. Ich wäre lieber Rundfunk- und Fernsehtechniker geworden.

DHB: Wie kam das?

Andreas Lagansky: Mein Großvater war ein großer Bastler. Dem habe ich immer zugesehen. Und manchmal durfte ich sogar mitbasteln. Einmal habe ich erlebt, wie er sich einen Plattenspieler gebaut hat – komplett funktionsfähig. Das hat mich fasziniert und mir ungeheuer imponiert.

DHB: Und warum haben Sie dann etwas Anderes gelernt?

Andreas Lagansky: Weil ich dafür in der DDR Vitamin B gebraucht hätte – das „B“ stand für „Beziehungen“. In Neuzelle, wo ich aufwuchs, gab es damals nur einen Ausbildungsplatz. Klar, ich hätte die Ausbildung auch ohne Beziehungen machen können. Aber dafür verlangte man von mir, dass ich mich auf zehn Jahre bei der Armee verpflichte, wo man mich in die Funktruppen gesteckt hätte. Nee Danke! Also nahm ich, was ich kriegen konnte.

DHB: Und das war eine Ausbildung zum Zimmerer?

Andreas Lagansky: Genau. Beim BKK Ost in Eisenhüttenstadt brauchte man für diverse Großbaustellen Einschaler im Akkord. Die bildeten, ich will es mal vorsichtig ausdrücken, Schmalspurzimmerer aus. Ich hatte Glück, es gab auch eine kleine Betriebstischlerei und da wurden plötzlich zwei Lehrlinge gesucht. Dort konnte ich meine Ausbildung beenden und lernte von dem alten Meister wirklich alles, was man im Zimmererhandwerk braucht. Das machte mir solchen Spaß, dass ich die Lehre ein halbes Jahr früher abschloss. Während die anderen noch ein halbes Jahr Lehrlingsgeld bekamen, „sahnte“ ich schon den Einsteigerfacharbeiterlohn von 625 Mark ab. Allerdings konnte ich als Geselle nicht in der Tischlerei bleiben.

“Körperliche Arbeit schon als Kind gewöhnt” 

DHB: Es ging zurück auf die Großbaustellen?

Andreas Lagansky: Genau. Wieder: Einschalen, Einschalen, Einschalen. Meine letzte Großbaustelle war das Spanplattenwerk in Beeskow. Dann habe ich mir gesagt, jetzt reichts!

DHB: War es die schwere körperliche Arbeit, die Sie frustrierte?

Andreas Lagansky: Ach was! Körperliche Arbeit war ich schon als Kind gewohnt. Mein Vater war Forstarbeiter, hat Bäume gepflanzt, gefällt und im Sägewerk Grunow geschält und geschnitten. Und ich, wenn keine Schule war, immer „mittenmang“. Auch wenn Grubenhölzer auf Waggons verladen wurden. Mann, waren die schwer! Also: Er brachte mir bei, dass man mit seiner Hände Arbeit Geld verdienen kann. Dass das nichts ist, wofür man sich schämen muss. Dass man darauf stolz sein kein.

DHB: Klingt nach schwerer Kindheit?

Andreas Lagansky: I wo, überhaupt nicht. Es war schön, mit dem Vater im Wald zu sein. Bäume zu pflanzen, in den Pausen Blaubeeren und Pilze zu sammeln oder in einem der Seen baden zu gehen. Ich werde diese Zeit nie in meinem Leben vergessen.

DHB: Was kam nach den Großbaustellen?

Andreas Lagansky: Nachdem ich bei der NVA anderthalb Jahre Brückenpontons hin- und hergefahren hatte, begann ich in einem Sägewerk, einen Job, den ich 10 Jahre lang mit viel Freude machte. Dann kam die Wende und das Aus für das Sägewerk. Es folgten Arbeitslosigkeit und Warteschleife. Dann bekam ich einen Job in einer Dachbaufirma. Dort arbeitete ich drei Jahre und machte neben dem Beruf meinen Zimmerer-Meister. Damals hörte ich das erste Mal etwas vom „Schiften“. Das war eine harte Zeit. Aber in dieser Zeit wurde die Weiche für mein weiteres berufliches Leben gestellt.

DHB: Sie wurden vom Leiter des ÜAZ angesprochen, ob Sie sich eine Arbeit als Ausbilder vorstellen könnten…

Andreas Lagansky: Genau. Ich war damals 33 und sagte Ja. Meine Kollegen in der Baufirma zeigten mir einen Vogel und meinten, die Jugend von heute, die macht dich doch fertig. Aber meine Frau hat gelacht und gesagt: Ach weeßte, zurück kannste immer noch.

“Als Autodidakt das Programmieren beigebracht” 

Andreas Lagansky mit Lehrlingen
Andreas Lagansky mit Lehrlingen

DHB: Wie kam es dazu, dass Sie sich als Autodidakt das Programmieren beibrachten?

Andreas Lagansky: Um so etwas hinzubekommen wie mein Meisterstück, brauchen sie ein versiertes räumliches Vorstellungsvermögen. Sie müssen sozusagen in 3-D denken können. Gerade das ist eine Fähigkeit, die kaum einer der jungen Leute besitzt, die in unsere Ausbildung kommen. Die Frage war für mich als Ausbilder also: Wie kann ich den jungen Leuten helfen?

DHB: Und da entdeckten sie die Digitalisierung für sich?

Andreas Lagansky: So kann man das sagen. Ich fragte mich, es muss doch eine Möglichkeit geben, den jungen Leuten das, was ich mir mühsam aus Büchern erarbeiten musste in wesentlich einfacherer Form zu erklären und dabei das räumliche Vorstellungsvermögen zu trainieren. Ich Entstanden ist eine Software, die die Ausbildung für das „Schiften“ enorm vereinfachte und bis heute von meinen Lehrlingen und Meisterschülern aus Ost und West mit Begeisterung benutzt wird. Das Bundeskompetenzzentrum (welches ?) hat nichts Vergleichbares.

DHB: Wie kommt das?

Andreas Lagansky: In der Berufsausbildung in Deutschland gibt es bis heute kein System, solche Initiativen bundesweit nutzbar zu machen und entsprechendes Engagement von Ausbildern zu fördern. Wenn ich in Rente gehe, wird das Programm nicht weiterentwickelt und als Ausbildungshilfe für Lehrlinge und Meisterschüler verschwinden und mit ihm das Ergebnis von 12 Jahren Entwicklungsarbeit.

DHB: Was würden Sie sich wünschen?

Andreas Lagansky: Wie im Bereich der Privatwirtschaft wird es auch im Bereich der Ausbildung unumgänglich Instrumente zu schaffen, die Anreize zur Entwicklung von modernen Ausbildungsprogrammen setzen und entsprechende Initiativen unterstützen. Es gibt keinen bundesweiten Wettbewerb, in dem man etwa spezielles Know-how von Berufsausbildern popularisiert. Es gibt im Bereich der Ausbildung keine Risikokapitalgeber, wenn es um die Entwicklung neuer Ausbildungsmaterialien geht. Ich habe das bundesweit erste digitale Ausbildungsprogramm für das „Schiften“ privat entwickeln und finanzieren müssen bis hin zum Erwerb bestimmter Lizenzen. Das, was in diesem Programm erklärt wird, steht in keinem einzigen deutschen Lehrbuch für das Zimmererhandwerk.

“Unsere Gesellschaft verliert ihre praktischen Fähigkeiten” 

DHB: Sie sind seit 28 Jahren Ausbilder. Was ist für Sie die signifikanteste Veränderung dieser Zeit?

Andreas Lagansky: Ganz klar, die mit der technischen und digitalen Entwicklung einhergehende geringere Wertschätzung produzierender körperlicher Arbeit. Ich könnte es auch anders ausdrücken: als stetig wachsende Geringschätzung des Werts körperlicher Arbeit. Heute reden wir von einer Wissensgesellschaft.

DHB: Was stört Sie daran?

Andreas Lagansky: Gar nichts. Die Frage ist: Welches Wissen brauchen wir wirklich. Was nützt uns eine Gesellschaft des Wissens, wenn diese Gesellschaft schon bald nicht mehr in der Lage sein wird, ihr Wissen in Produkte umzusetzen, weil sie zwar weiß, aber den jungen Generationen wichtige praktische Fähigkeiten verloren gegangen sind. Denn nur damit kann man am Ende Produkte herstellen. Natürlich ist auch ein Computerspiel, eine virtuelle Welt, ein Produkt. Nur kannst du in dieser Welt kein Brot backen, das du auch essen, keinen Dachstuhl zimmern, den du auf dein Haus setzen kannst.

DHB: Was bedeutet der von Ihnen beklagte Verlust praktischer Fähigkeiten?

Andreas Lagansky: Für mich hat er inzwischen ein Ausmaß erreicht, der den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährdet. Denn wenn in Zukunft immer weniger junge Menschen den Wohlstand der Gesellschaft aufrechterhalten müssen, fällt der Verlust solcher Fähigkeiten weitaus mehr ins Gewicht als früher. Mit einer Wischbewegung auf dem Display eines Mobiltelefons lässt sich eben kein Fundament gießen und kein Nagel im Holz versenken. Aber jeder möchte ein Haus über dem Kopf.

DHB: Was genau beobachten Sie in dieser Hinsicht in Ihrer Arbeit als Ausbilder?

Andreas Lagansky: Wie in anderen Berufen, gibt es auch im Handwerk zunehmend  Quereinsteiger. Ich habe also Menschen bei mir in der Ausbildung, die von ihren Eltern immer gesagt bekamen, dass sie nur etwas werden können, wenn sie studieren. Und plötzlich machen sie die Erfahrung, dass es für ein Studium doch nicht reicht und die sich dann doch für eine Ausbildung im Handwerk entscheiden. Oft steigen solche Quereinsteiger in das 2. Lehrjahr ein. Das sind junge Leute, die sehr gut denken können, denen aber oft die motorischen Fähigkeiten für einen Handwerksberuf fehlen. Das Spannende daran ist nun, dass diese Menschen sich diese notwendigen Fähigkeiten sehr schnell aneignen und schon nach einem Jahr die Lehrlinge, die mit dem 1. Lehrjahr begonnen haben ein- und überholen.

DHB: Was sagt Ihnen das?

Andreas Lagansky: Das wir uns mehr um Studienabbrecher oder mit dem Studium unzufriedene Studentinnen und Studenten kümmern sollten. Und das wir, verdammt noch mal, die Vermittlung praktischer Fähigkeit in der Schule zu einer Pflichtaufgabe machen – und zwar von der ersten bis zu zwölften Klasse. Das darf aber nicht mehr zehn Jahre dauern. Dann ist es zu spät.

DHB: Haben Sie versucht, die Liebe zum Holz an Ihre eigenen Kinder weiterzugeben?

Andreas Lagansky: Versucht schon. Aber wenn man es sich genau besieht, dann sind die Kinder die meiste Zeit gar nicht im Elternhaus, sondern in der Schule. Und wenn die Kinder aus der Schule kommen, sind die Eltern oft noch nicht von der Arbeit zurück. Also konkurriert das Elternvorbild immer mit anderen Vorbildern. Und so haben die Drei sich für ganz andere Dinge interessiert und andere Wege eingeschlagen. Das ist in Ordnung.

Interview: Mirko Schwanitz

Andreas Lagansky mit dem Wanderstock eines Wandergesellen
Andreas Lagansky mit dem Stock eines Wandergesellen

Mirko Schwanitz

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