Seit einem Jahrzehnt ermöglicht die Handwerkskammer mithilfe des EU-Förderprogramms Erasmus+ Lehrlingen, Gesellen und Ausbildern, Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Über die Anfänge und die Bilanz sprachen wir mit Mobilitätsberater Mateusz Krzyzanowski.
DHB: Seit 10 Jahren bietet die Handwerkskammer Mitgliedsbetrieben eine Mobilitätsberatung an. Was steckt dahinter?
Mateusz Krzyzanowski: Die EU ermöglicht nicht nur Studenten, einige Semester im europäischen Ausland zu studieren. Dass es diese Möglichkeit auch für Lehrlinge und Gesellen gibt, wissen immer noch nicht alle. Selbst Berufsausbilder haben die Möglichkeit, über das Programm Erasmus+ zum Erfahrungsaustausch in andere Länder zu fahren. Wir Mobilitätsberater der Handwerkskammern helfen ihnen dabei, diese Möglichkeit wahrzunehmen.
DHB: Wie haben Sie vor 10 Jahren mit Ihrer Arbeit begonnen?
Mateusz Krzyzanowski: Vom Nullpunkt. Es galt, Fördermittel zu akquirieren. Vor allem aber galt es, Partner in ganz Europa zu finden. Diese mussten bereit sein, Lehrlinge nicht nur in Ausbildungsbetriebe vor Ort zu vermitteln, sondern auch deren Betreuung sowie eine geeignete Unterbringung sicherzustellen.
Wie sind Sie das angegangen?
Mateusz Krzyzanowski: Ich habe recherchiert. Dann bin ich in die ersten Länder gereist, die infrage kamen. Dort mussten dann Partnerschaften und Vertrauen aufgebaut werden. Das ist wichtig. Denn: Nicht alle Lehrlinge sind volljährig oder selbstständig genug, um vor Ort sofort allein klarzukommen. Mein Anspruch ist, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Rundum-Sorglos-Paket und den Betrieben minimalen bürokratischen Aufwand zu garantieren.
DHB: In welchen Ländern können die Lehrlinge denn Erfahrungen sammeln?
Mateusz Krzyzanowski: Frankreich, Spanien, Italien, Malta, Portugal, Griechenland, Österreich, Polen, Irland, Finnland, Schweden, Dänemark.
DHB: Wie schwer war es, Betriebe zu finden, die bereit waren, ihre Lehrlinge für zwei bis vier Wochen für ein Auslandspraktikum freizustellen?
Mateusz Krzyzanowski: Unheimlich schwer. Ich besuchte damals alle aktiven Ausbildungsbetriebe, um sie von den Vorteilen dieses Programms für ihre Lehrlinge und ihren Betrieb zu überzeugen. Der erste Betrieb, der zusagte, einen Lehrling ins Ausland zu schicken, war die A1 Autoservice Barnim GmbH von Thomas Österling aus Eberswalde. Von den etwa 11.000 Kammerbetrieben bilden etwas mehr als 1.100 aus. Davon schicken 55 Betriebe regelmäßig Lehrlinge ins Ausland. Es ist also immer noch Luft nach oben.
DHB: Was hat diese Betriebe überzeugt, dass es sich auszahlt, ihre Lehrlinge ins Ausland zu schicken?
Mateusz Krzyzanowski: Alle Betriebe und Ausbilder berichten uns, dass es immer mehr Lehrlingen an einer Selbstständigkeit fehlt, die ihrem Alter eigentlich angemessen wäre. Doch nach Teilnahme an dem Programm beobachten sie, dass bei der Mehrheit ein Sprung in der Persönlichkeitsentwicklung zu beobachten ist. Mehr noch: Oft verbessern sich auch die Leistungen in der Ausbildung. Die Auslandserfahrung macht also etwas mit den jungen Leuten, das auch den Betrieben nutzt.
DHB: Was war die schwierigste Situation, die Sie in all den Jahren zu meistern hatten?
Mateusz Krzyzanowski: Auf jeden Fall war der Ausbruch der Corona-Pandemie die größte Herausforderung. Es war das Jahr 2020, und unser Projekt war bei zahlreichen Ausbildungsbetrieben sehr gut angekommen. Von einem Tag auf den anderen musste ich für 55 Teilnehmende pandemiebedingt absagen. Auch die Abwicklung und Abrechnung der Projekte gestalteten sich äußerst schwierig und waren eine echte Katastrophe, obwohl die Situation offiziell als höhere Gewalt eingestuft wurde.
DHB: Was war der bewegendste Moment in all den Jahren?
Mateusz Krzyzanowski: Es gab viele schöne Momente, aber der bewegendste ereignete sich bei einem Abschlusstreffen mit einer französischen Gruppe unserer Partnerkammer aus Albi, die in Frankfurt (Oder) berufliche Praktika absolviert hatte. Ein 16-jähriger Lehrling bedankte sich bei mir mit Tränen in den Augen, dass ich ihm einen Praktikumsplatz in Frankfurt (Oder) vermittelt hatte. Durch diese Chance konnte er zum ersten Mal in seinem Leben ein Flugzeug besteigen. Dieser Moment hat mir eindrucksvoll vor Augen geführt, wie wichtig dieses Projekt für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen ist und welche Möglichkeiten es ihnen für ihre berufliche sowie persönliche Zukunft bietet.
DHB: Was würden Sie sich als Mobilitätsberater für die Zukunft wünschen?
Mateusz Krzyzanowski (lacht): Mehr Förderung und weniger Bürokratie.
Kontakt:
Mateusz Krzyzanowski
Mobilitätsberater / Mobility Coach
15230 Frankfurt (Oder)
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Tel.: 0335 5619 169
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