Bestattungshandwerk

Aus dem Nichts kommt Nichts

Franziska Gerent-Augustin und Mike Gerent lieben die Musik. Beide leiten ein Bestattungsunternehmen in Finowfurt, Eberswalde und Angermünde. Mehr noch: Franziska ist eine der wenigen Meisterinnen im Bestattungshandwerk. Doch wie wird man vom Musiker zum Bestatter? Ein Interview.

DHB: Herr Gerent und Frau Gerent-Augustin, wie wird man zum musizierenden Bestatter?
Mike Gerent: Sagen wir mal so: Das war eigentlich nie vorgesehen. Man könnte sagen, der Beruf ist zu uns gekommen, nicht wir zu ihm – und das auch erst spät.
Franziska Gerent-Augustin: Wir haben beide früher in ganz anderen Berufen gearbeitet. Mike als Teamleiter im Außendienst einer Krankenversicherung, ich viele Jahre bei der Fluglinie Air Berlin, zuletzt in leitender Position in der Berufsausbildung.

DHB: Aber Sie haben immer auch Musik gemacht …
Franziska Gerent-Augustin: Das stimmt. Ich habe mit vier Jahren begonnen zu singen, war an der Musikschule, später in einem Akkordeonorchester. Es folgten Auftritte bei Feiern, in Altersheimen, auf Geburtstagen – nichts Spektakuläres, aber auf einem Niveau, auf dem ich hier bald so etwas wie eine „Lokalmatadorin“ war. Später auch Auftritte mit bekannten DDR-Schlagersängern wie Michael Hansen und Uwe Jensen.
Mike Gerent: Bei mir war es die Begegnung mit einem Militärorchester auf dem Pritzwalker Marktplatz. Ich war vielleicht zehn Jahre alt und sagte zu meiner Mutter: Das möchte ich später auch machen. Es folgte die Ausbildung im Spielmannszug, später das Studium von Klarinette und Saxofon an der Militärmusikschule in Prora. Dann fiel die Mauer – und ich musste mich neu entscheiden.

DHB: Und dann entschieden Sie sich für einen ganz anderen Weg?
Mike Gerent: Genau – für eine Ausbildung zum Versicherungsfachangestellten. Aber natürlich spielte die Musik stets weiter eine Rolle. So habe ich mich im Jahre 2000 als Musiker selbstständig gemacht, mit Ständchen zu Geburtstagen und als Musikschullehrer und gründete schließlich meine eigene Band mit einem Musikerkollegen.
Franziska Gerent-Augustin: Na ja. Während meiner Arbeit bei Air Berlin war kaum noch Zeit zum Singen. Aber irgendwann hatte eine Kollegin „spitz“ bekommen, dass ich das gut kann. Ich habe dann zum Geburtstag meiner Schwester gesungen, die auch bei Air Berlin arbeitete und daraus entstand ein Auftrag als Sängerin auf einer Hochzeit eines Kollegen. So kam eines zum anderen und das Singen begann plötzlich wieder Raum in meinem Leben einzunehmen.

DHB: Und eines Tages fragte die Band Ihres heutiger Mannes an, ob Sie bei einem ihrer Auftritte singen könnten?
Franziska Gerent-Augustin: Ja, so haben wir uns kennengelernt. Das war im Jahr 2014, in dem Jahr, in dem ich mich auch als Sängerin selbständig gemacht habe…

Musik spielt für Mike Gerent und Franziska Gerent-Augustin auch in ihrem neuen Job als Inhaber des Bestattungshauses Steinke eine große Rolle

Eine Anfrage verändert alles

Mike Gerent: Das war ein mutiger Schritt. Wir hatten viele Auftritte – Galas, Hochzeiten, auch Beerdigungen. Unser Auftragsbuch war voll.
Franziska Gerent-Augustin: Ich habe mich zusätzlich zur Rednerin fortgebildet. Wir wollten ein Gesamtpaket anbieten.

DHB: Das Angebot zur Übernahme eines Bestattungshauses kam also wie aus dem Nichts?
Franziska Gerent-Augustin: Ganz aus dem Nichts kommt nichts. Wir hatten uns gleich zum Beginn unserer Zusammenarbeit als Duo bei vielen Bestattungshäusern vorgestellt und wurden regelmäßig für Beerdigungen und Trauerfeiern gebucht. Ich oft auch als Trauerrednerin. Wir waren durch unsere Auftritte bei Beerdigungen bereits in der Branche bekannt.
Mike Gerent: Und so erarbeiteten wir uns nach und nach wohl einen guten Ruf. Auch ich war mittlerweile Freier Redner. Das heißt, es sprach sich herum, dass es da zwei gibt, die eine Trauerfeier zu etwas ganz Besonderem machten. Viele Kunden fragten sogar in Bestattungsinstituten nach uns. Das muss die Inhaberin der Firma Steinke-Bestattungen auf die Idee gebracht haben, bei uns anzufragen, ob wir uns eine Übernahme vorstellen konnten.

DHB: Konnten Sie sich das sofort vorstellen?
Franziska Gerent-Augustin: Konnten wir zunächst nicht! Außerdem schien es ganz und gar unmöglich, langfristig vereinbarte Arrangements abzusagen. Wir waren auch ein wenig überrumpelt, weil wir mit so etwas überhaupt nicht gerechnet hatten.
Mike Gerent: Aber sie hatte mit ihrer Anfrage schon etwas angerichtet. Denn als wir realisierten, was uns dort eigentlich angeboten worden war. Und dann begann natürlich das Nachdenken.

DHB: Worüber?
Franziska Gerent-Augustin: Wir mussten vorausblicken. Und da sah ich mich mit 40 Jahren nicht mehr jeden Abend, jedes Wochenende auf irgendwelchen Bühnen stehen. Das macht ja auch etwas mit dem Familienleben, mit den eigenen Kindern. Wir mussten uns also fragen, wo wollen wir eigentlich hin. Wie soll das Leben in ein paar Jahren aussehen.
Mike Gerent: Und dann war die Corona-Pandemie natürlich so etwas wie ein Katalysator. Plötzlich brachen Auftritte weg. Auftritte auf Hochzeiten etwa, waren untersagt. Und da wurde uns klar, dass das Angebot von Kordula Steinke vielleicht ein große Chance war.

Neuanfang mit Mut und Plan

Franziska Gerent-Augustin: Da kamen uns natürlich auch unsere früheren beruflichen Erfahrungen sehr zugute. Ich fühlte als ersten Schritt bei Banken vor, ob die denn so eine Übernahme überhaupt finanzieren würden. Und siehe da: das schien gar kein Problem. Wir mussten uns also nur noch ein Herz fassen. möglich.
Mike Gerent: Und das taten wir. Wir entwickelten für uns ein Konzept, wie es gehen könnte und stürzten uns in das Abenteuer.

DHB: Wie lief der Einstieg?
Franziska Gerent-Augustin: Die Mitarbeiter kannten uns bereits – das war ein großer Vorteil. Die eigentliche Übergabe war innerhalb von sechs Wochen vollzogen. Kordula Steinke blieb als Mitarbeiterin, um uns mit ihrer Erfahrung einen nahtlosen Übergang zu ermöglichen und wir selbst ließen nicht die neuen Chefs raushängen, sondern arbeiteten auch nach der Übernahme am Anfang eher wie Praktikanten mit Führungsverantwortung.
Mike Gerent-Augustin: Es war ganz klar, dass wir sehr viel von den Mitarbeitern lernen müssten. Deswegen haben wir uns natürlich schon ein Hintertürchen offengelassen und gesagt, wir wollen erst einmal Probearbeiten, schauen, ob wir das können. Und da müssen wir rückblickend noch einmal ein großes Dankeschön an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sagen. Die haben uns hier wie große Kinder an die Hand genommen und uns Mut gemacht.

DHB: Sie haben sich dann fortgebildet?
Franziska Gerent-Augustin: Ich absolvierte nicht nur die Ausbildung zur Geprüften Bestatterin, sondern erwarb anschließend auch meine Qualifizierung als Meisterin im Bestatterhandwerk. Mir war das ganz wichtig.

Der Ausbildung zur Bestattungsfachkraft folgte die Ausbildung zur Meisterin im Bestattungshandwerk

Mike Gerent: Ich lernte vor allem von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, lief bei allen mit und beteiligte mich an allen Aufgaben. Vieles kostete Überwindung. Denn es ist etwas anderes, an einem Grab zu singen oder zu musizieren, als einen Verstorbenen in Würde herzurichten.

DHB: Ich kann mir vorstellen, dass man als Neulinge in der Branche mit Argusaugen beobachtet wird?
Mike Gerent: Das war uns natürlich klar. Und das war am Anfang auch nicht einfach. Man kann auch nicht leugnen, dass es auch in dieser Branche Mitbewerber gibt und jedes Unternehmen sich seinen Stand auf dem Markt erarbeiten muss.
Franziska Gerent-Augustin: Aber da hatten wir mit der Übernahme eines etablierten Hauses mit einem gewissen Kundenstamm es natürlich einfacher, als wenn wir ein neues Unternehmen gegründet hätten. Und – wie schon gesagt – wir waren als Musiker in der Region keine Unbekannten.

DHB: Aber umso mehr dürften Kollegen gefragt haben: Können die das?
Franziska Gerent-Augustin: Es mag vielleicht den einen oder anderen Kollegen  gegeben haben, der uns kein langes Durchhalten prophezeite. Aber inzwischen ist die Skepsis doch dem Respekt gewichen. Und inzwischen  bekamen wir bereits weitere Angebote, andere Bestattungsunternehmen zu übernehmen. Die Nachfolge ist ja bei vielen ein Problem. Wir wollen uns aber nicht übernehmen. Nach reiflicher Überlegung und Bitten eines Besitzers haben wir jetzt ein Bestattungshaus in Bad Freienwalde übernommen und führen es weiter.

Tradition bewahren – Neues wagen

DHB: Haben Sie das Unternehmen verändert?
Franziska Gerent-Augustin: Ja, aber behutsam. Heute ist das Haus komplett umgestaltet – heller, offener, moderner.
Mike Gerent: Auch Arbeitskleidung, Abläufe und Rituale haben wir weiterentwickelt.

DHB: Machen Sie noch Musik?
Mike Gerent: Nur noch sehr ausgewählt.
Franziska Gerent-Augustin: Aber Musik bleibt ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

DHB: Gibt es Nachwuchsprobleme?
Franziska Gerent-Augustin: Klassisch ja – aber es gibt viele Quereinsteiger. Und es gibt Grund zur Zuversicht, denn der Beruf der Bestattungsfachkraft ist sehr beliebt geworden unter den jungen Leuten.
Mike Gerent-Augustin: Ein Problem ist eher die zentrale Ausbildungsstätte in Bayern.

DHB: Schauen Sie eigentlich Bestatter-Serien?
Franziska Gerent-Augustin: Ja – mit großem Vergnügen.