Ausbilderlegende geht in den Ruhestand

Der Meisterschülermacher

Ausbilder Uwe Schöberlein hat mehr als 3000 Lehrlinge ausgebildet und über 750 Gesellen zur Meisterprüfung gebracht. Nun geht er in den verdienten Ruhestand. Wir sprachen mit ihm über Utopien, Revolutionen und „Rabauken“

Interview: Mirko Schwanitz
DHB: Herr Schöberlein, welches Auto lieben Sie am meisten?
Uwe Schöberlein: BMW M5
DHB: Was hat dieses Fahrzeug, was andere nicht haben?
Uwe Schöberlein:  Die Kombination aus Leistung, Drehmoment und Sound.
DHB: Sie waren über 30 Jahre Ausbilder. Was haben Sie an diesem Job geliebt?
Uwe Schöberlein:  Es ist eine Arbeit, die einen auf vielfältige Weise herausfordert. Auf der einen Seite sind da die Lehrlinge, die was von mir lernen wollen, aber auch ihre Grenzen austesten. Da ist jede und jeder anders drauf. Man muss lernen, wie man jeden einzelnen nehmen muss.
DHB: Und auf der anderen Seite?
Uwe Schöberlein:  … sind da die Revolutionen in der Fahrzeugtechnik, die einem eine ständige Weiterbildung abverlangen. Als ich meine Ausbildung machte, kam E-Mobilität und autonomes Fahren allenfalls in utopischen Romanen vor. Ich habe damals nicht geglaubt, dass ich einmal in einer Zeit leben würde, in der solche Utopien wahr werden.
DHB: Was war denn Ihre Utopie, als Sie jung waren?
Uwe Schöberlein: Autos haben mich, wie sicher jeden Jungen, immer fasziniert. Ich wollte von Beginn an KFZ-Schlosser werden. Aber in der DDR war an diese Ausbildung schwer ranzukommen. Meine einzige Chance war eine Längerverpflichtung bei der Armee. Ich unterschrieb für 25 Jahre und durfte dann in Löbau ein Ingenieurstudium für KFZ-Technik absolvieren.
DHB: Was hat sie nach Brandenburg verschlagen? Ihr Dialekt verrät: Ihre Kindheit und Jugend haben Sie südlicher verbracht…
Uwe Schöberlein: Das stimmt. Als Geburtsort ist in meinem Pass eine Stadt eingetragen, die es nicht mehr gibt. Erraten Sie welche?
„Meine Berufskarriere begann mit 25 Wartburgs und Ladas.“
DHB:  Ich tippe mal auf Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz.
Uwe Schöberlein: Genau. Nun ja, Sie wissen ja, bei der Armee wird man dahin versetzt, wo man gebraucht wird. Ich ging nach Strausberg und arbeitete dort im Fuhrpark des DDR-Verteidigungsministeriums. Meine „Kompanie“ bestand aus 25 Wartburgs und Ladas. Zum Schluss waren es über 75 Fahrzeuge.
DHB: Wie haben Sie denn den Schluss erlebt?
Uwe Schöberlein:  Unruhige Zeiten. Tage voller Sorgen, wie es weitergehen würde. Das Verteidigungsministerium war mit dem Fall der Mauer über Nacht überflüssig geworden. Und die Bundeswehr würde nicht mit Wartburgs und Ladas herumfahren. Klar war mir aber, gute KFZ-Techniker brauchen die auch. Ich harrte also erstmal aus.
DHB: Als Techniker hatten Sie gute Chancen, von der Bundeswehr übernommen zu werden.
Uwe Schöberlein:  Das stimmt. Aber als unser neuer Vorgesetzter, ein Oberstleutnant aus dem Westen, uns dann erzählte, dass dies hier bereits sein 13. Einsatzort sei, dachte ich: Nee, das willst du nicht. Ich war damals bereits verheiratet und hatte schon eine Tochter und einen Sohn. Denen wollte ich kein Nomadenleben im Dienst der Bundeswehr zumuten. Ich kündigte.
DHB: Und gaben damit eine mögliche Sicherheit auf, von der damals viele DDR-Bürger nur träumen konnten?
Uwe Schöberlein:  In diesen Kategorien dachte ich damals gar nicht. Klar musste ich überlegen, was ich nach meinem Ausscheiden machen sollte.
DHB: Und was haben Sie gemacht?
Uwe Schöberlein: Ich heuerte bei einer Fahrschule in Friedrichshagen an. Zwei Westberliner gründeten diese nach der Wende und setzten einen Geschäftsführer aus dem Osten ein. Was denken Sie, was da abging! Das kann sich heute keiner mehr vorstellen! Wir waren 30 Fahrlehrer, arbeiteten im Schichtdienst und zu den Theorieschulungen hatten wir so viele Fahrschüler, dass wir eine Turnhalle anmieten mussten. Für mich war es ein Zwischenstadium, eine Findungsphase.
DHB: Wollten Sie selbst eine Fahrschule aufmachen?
Uwe Schöberlein: Nein. Mir war klar, der Nachhol-Boom würde schnell abflauen und dann würde der Konkurrenzkampf unter den Fahrschulen gnadenlos. Aber ich merkte, dass mir die Arbeit mit den Fahrschülerinnen und Fahrschülern schon Spaß machte. Und wenn ich einen durch die Prüfung brachte, spürte ich immer deren Dankbarkeit.
„Ein Motor ist ein Motor ist ein Motor.“
DHB: Wie kam es, dass Sie 1992 Ihre erste Ausbilderstelle bei einem Berufsförderungswerk antraten?
Uwe Schöberlein: Ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, Leute aus anderen Berufen zu Kfz-Technikern umzuschulen. Ich dachte, das bringt mich wieder näher an meinen eigentlichen Beruf, den ich ja auch als Berufung sehe.
DHB: Inzwischen verschwanden die Wartburgs, Trabants und Ladas immer mehr aus dem Straßenbild. Mit ihrem alten Wissen, konnten Sie doch da nicht mehr so viel anfangen?
Uwe Schöberlein: Ein Motor ist ein Motor ist ein Motor. Und ob das nun ein Zweitakter oder Viertakter ist, ist egal. Das Grundprinzip eines Lada-Motors in Fiat-Lizenz war das gleiche wie beim Zweier-Golf, den ich als Fahrlehrer fuhr. Aber das war klar: ich musste mich fortbilden. 1993 begann ich dann meine Meisterausbildung.
DHB: Sie wurden dann gekündigt und bewarben sich im Berufsausbildungszentrum der Handwerkskammer in Hennickendorf…
Uwe Schöberlein: (lacht): … und wurde erst einmal abgelehnt. Man habe sich für einen anderen Kandidaten entschieden. Nur, der Kandidat trat seine Stelle nie an. Und so dachte man, dann probieren wir es mal mit Schöberlein.
DHB: Über 30 Jahre haben Sie nun Kfz-Technikerinnen und –techniker ausgebildet. Was sind für Sie die gravierendsten Veränderungen in den zurückliegenden drei Jahrzehnten?
Uwe Schöberlein: Über was wollen wir reden? Über Technik? Oder über Menschen?
DHB: Fangen wir mit den Menschen an…
Uwe Schöberlein: Da kann ich ganz klar analysieren, dass die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler mit schlechteren Ausgangsvoraussetzungen eine Lehre bei mir beginnt als vor 30 Jahren. Ohne zu pauschalisieren, kann ich sagen, das betrifft sowohl den Bildungsstand als auch die Umgangsformen.
DHB: Haben Sie eine Erklärung?
Uwe Schöberlein: Ich bin weder Psychologe, noch Soziologe, noch Bildungspolitiker. Ich glaube nicht, dass die Jugendlichen heute anders sind, als ich es in dem gleichen Alter war. Sehr wohl aber hat sich das Umfeld geändert, in dem viele Jugendliche aufwachsen. Ich persönlich denke, dass Schulen und die Bildungspläne nicht Schritt halten mit den Erfordernissen unserer Zeit. Gleichzeitig haben wir es mit einer neuen Elterngeneration zu tun. Nicht wenige sind wohl der Meinung, dass angesichts von Ganztagsschule und Hortbetreuung die Bildung ihrer Kinder allein Aufgabe der Schule sei. Und genau das funktioniert meiner Meinung nach nicht.
„Schulen und Bildungspläne halten nicht mit den Erfordernissen der Zeit Schritt.“
DHB: Wie spürten Sie das als Ausbilder?
Uwe Schöberlein: Zunächst einmal in den großen Unterschieden zwischen Abiturienten und Schülern, die nach der 10. Klasse eine Lehre aufnehmen. Natürlich macht ein Altersabstand von zwei, manchmal drei Jahren viel aus. Aber so groß wie heute, waren die Unterschiede früher nicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in den 1990er Jahren mit solch einer großen Anzahl von Lehrlingen mit Lese- und Rechtschreibschwächen, Konzentrations- und anderen Problemen zu tun hatte.
DHB: Wie reagierten Sie da als Ausbilder?
Uwe Schöberlein:  Wir können nur unser Bestes geben. Und das heißt zunächst einmal: niemanden aufgeben! Aber wir können natürlich nur partiell aufholen, was vorher versäumt wurde. Dennoch: Gerade in der praktischen Ausbildung zeigen sich plötzlich Potentiale, die vorher vielleicht noch von niemanden gesehen wurden. Wenn ich so etwas beobachte, dann setze ich genau da an. Nicht die Schwächen der Schüler sind wichtig, sondern ihre Stärken.
DHB: Und das funktioniert?
Uwe Schöberlein: Sehen Sie, ich habe inzwischen mehr als 3000 Lehrlinge ausgebildet und über 750 Gesellen bis zur Meisterprüfung gebracht. Wenn ich sehe, dass einer meiner „Rabauken“-Lehrlinge ein paar Jahre später konzentriert in der Meisterprüfung sitzt und die auch besteht, dann sage ich immer wieder erstaunt: Sieh mal einer an! Dass ich dazu auch ein wenig beigetragen habe, das freut mich sehr. Ich denke, wenn ich nicht genügend solcher Erfolgserlebnisse hätte, wäre ich wahrscheinlich kein Ausbilder mehr.
DHB: Reden wir über die Technik. In den letzten 30 Jahren gab es gleich mehrere Revolutionen in der Fahrzeugtechnik…
Uwe Schöberlein:  Die E-Mobilität ist sicher eine solche Revolution. Möglicherweise auch das Autonome Fahren. Alle anderen Entwicklungen würde ich eher als Evolution bezeichnen. Aber auch die forderten in all den Jahren eine Menge Weiterbildung. Und Weiterbildungen halten geistig frisch. Ich empfinde sie also überhaupt nicht als Belastung, sondern als Bereicherung.
DHB: Sprachen Sie mit den Lehrlingen auch über solch „nette“ Erfindungen wie Abschalteinrichtungen?
Uwe Schöberlein: Klar, auch das war ein Thema. Ich habe das nie verstanden. VW hätte das nicht nötig gehabt. Die Technik, den Schadstoffausstoß zu senken, war da. Klar, die Autos wären ein paar Euro teurer gewesen, aber die Menschen hätten sie dennoch gekauft.
DHB: Die Zeit des Verbrennungsmotors geht zu Ende. Wie muss sich die Berufsausbildung darauf einstellen?
Uwe Schöberlein: Schauen Sie sich um. In unserer Ausbildungshalle sehen Sie auf jeder Seite drei Verbrennungsmotoren, von Fiat, von Opel, von BMW, von VW und Mazda, Mercedes, Toyota und  Hyundai. Es gibt, Motortester, Diagnosetester. Unser Ausbildungszentrum ist topausgestattet und auf dem modernsten Stand….
DHB:… aber immer noch auf den Verbrenner ausgerichtet…
Uwe Schöberlein: Richtig. Denn es werden noch auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, Verbrenner auf unseren Straßen fahren. Davon bin ich überzeugt. Als Kfz-Techniker liebe ich Verbrennungsmotoren. Aber als Vater einer Tochter und eines Sohnes schaue ich hoffnungsvoll auf die E-Mobilität. Aber selbst wenn der Zeitpunkt kommt, dass als Neuwagen nur noch E-Autos verkauft werden dürfen, werden die Verbrenner auf dieser Erde ja nicht verschrottet. Sie werden fahren und sie werden gewartet und repariert werden müssen. Dazu braucht es weiterhin gut ausgebildete Kfz-Mechatronikerinnen und Kfz-Mechatroniker.
„Was die E-Mobilität an Ressourcen verbraucht, können wir der jungen Generation nicht als nachhaltig verkaufen.“
DHB: Spielte die E-Mobilität in Ihrer eigenen Ausbildung eine Rolle?
Uwe Schöberlein: Ja und nein. Ja, weil meine jüngeren Kollegen den Bereich E-Mobilität lehren. Einer unserer Ausbilder hat bereits einige Jahre bei Tesla gearbeitet. Ich bin über 60 Jahre alt, diesen Part habe ich der jungen Generation überlassen.
DHB: Aber wie stehen Sie persönlich zu dieser neuen Technik?
Uwe Schöberlein: E-Mobilität als Denk- und Entwicklungsrichtung ist richtig. Unser Problem ist, dass die Fahrzeugtechnik viel weiter ist, als die notwendige Infrastruktur, der es bedarf, um diese Technik zu betreiben. Die derzeitigen Infrastrukturprobleme, wie nicht ausreichende Ladesäulen, nicht ausreichende Stromnetze und vor allem, der nicht zur Verfügung stehende Strom, werden die Entwicklung der E-Mobilität bremsen. Den Verbrauch von Ressourcen durch die E-Mobilität können wir nachfolgenden Generationen nicht als nachhaltig verkaufen.
DHB: Aber wie raus aus dieser Zwickmühle?
Uwe Schöberlein: Es ist vielleicht nicht opportun, aber zwingend notwendig, ohne ideologische Brille über die Förderung von Brückentechnologien wie Hybrid- oder Wasserstoffantrieb zu sprechen. Im besten Fall kommt ein E-Auto heute unter optimalen Bedingungen 700 Kilometer weit. Da sitzen aber keine vier Leute drin, da ist kein Urlaubsgepäck dabei und schon gar kein Fahrradträger. Und nun denken Sie mal an die endlos langen LKW-Kolonnen. Wer auf der A12 unterwegs ist, weiß wovon ich rede. Stellen Sie sich mal vor, die müssten alle auf Batterie umgestellt werden. Dann hätten wir sofort ein Problem mit der Versorgungssicherheit.
DHB: Das dürfte Stoff für einen utopischen Roman sein…
Uwe Schöberlein: Egal wie schnell sich die Batterietechnik weiterentwickelt, ohne ein komplett neues Logistikkonzept für Warentransporte ist die E-Mobilitätswende nicht zu schaffen. Davon bin ich überzeugt.
DHB: Also ist der Kfz-Mechatronik-Beruf kein Auslaufmodell?
Uwe Schöberlein: Im Gegenteil. Er wird nur vielfältiger. In Zukunft werden Kfz-Mechatroniker auch gute Elektriker und Elektroniker werden müssen.

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