Mirko Schwanitz I hwk-ff
Zu seinem Traumberuf fand Kai Kreutzmann dank Ferienpraktika beim örtlichen Bäckermeister. Nach der Lehre und einigen Jahren in der „Fremde“ kehrte er in seinen Heimat Oderberg zurück – mit der Idee für eine neue, junge Bäckerei. Doch einfach wird es ihm nicht gemacht. Ein Interview über die soziale Verantwortung des Handwerks, den Willen etwas Neues zu probieren und eine Bürokratie, die jungen Gründern die Energie aussaugt…
Herr Kreutzmann, haben Sie eine Erklärung, warum die Zahl der jungen Gründer in Deutschland immer weiter zurückgeht?
Kai Kreutzmann: Ich denke, dass die Sozialen Medien viele jungen Menschen glauben machen, dass man mit nur einer guten Idee und ohne harte Arbeit schnell zu Wohlstand kommen kann. In den Lehrplänen der Schulen spielte schon zu meiner Schulzeit Unternehmertum kaum eine Rolle. Und vielleicht raubt auch die soziale Sicherheit in Deutschland so manchem die Energie, selbst aktiv zu werden. Und die, die es trotzdem wagen, treffen dann auf das heftigste aller deutschen Probleme.
Was da wäre?
Kai Kreutzmann: Die Bürokratie, die Unflexibilität von Beamten, realitäts- und lebensfremde Gesetze, Vorschriften und Ausführungsbestimmungen.
Klingt, als hätten sie nach zwei Jahren als junger Unternehmer schon ausreichende Erfahrungen gemacht?
Kai Kreutzmann: Das ist richtig. Und sie zeigen, wo man eigentlich schnell etwas ändern und jungen Gründern oder auch Handwerkern allgemein das Leben erleichtern könnte.
Erzählen Sie!
Kai Kreutzmann: Nehmen wir die Meistergründungsprämie.
Ein von vielen Handwerkern genutztes und durchaus gelobtes Förderinstrument, das den Start in eine eigene Unternehmerlaufbahn erleichtert. Die Landesregierung wollte es streichen. Die Handwerkskammer hat lange gekämpft, dass es sie weiter gibt…
Kai Kreutzmann: Das ist richtig. Und es ist gut, dass es dieses Instrument gibt. Angesichts der Rasanz, mit der sich in den letzten Jahren die Anzahl der Handwerksbetriebe aus Altersgründen und Betriebsaufgaben reduziert, sollte man dringend einige Bestimmungen der Vergabe neu justieren.
Was meinen Sie?
Kai Kreutzmann: Als ich 2024 gründen wollte, hatte ich die erforderlichen Unterlagen für die Meistergründungsprämie zusammengestellt und mit der zuständigen Sachbearbeiterin ein gutes Gespräch. Es fehlten noch ein paar Dinge. Aber die, so die Auskunft, könnten nachgereicht werden. Worauf man mich nicht hinwies, war die Tatsache, dass man gar nicht gründen darf, bis die Bewilligung erteilt ist.

Über 300 Brote bäckt Kai Kreutzmann in der Woche
Ich war schneller als die Bürokratie erlaubt
Wer zu schnell gründet, bekommt keine Förderung?
Kai Kreutzmann: Sagen wir so: Wer schneller gründet, als es der Bearbeitungsprozess, also die Bürokratie, erlaubt, der bekommt keine Förderung.
Wie haben Sie das Problem gelöst?
Kai Kreutzmann: Wie viele Gründer. Nur mit Hilfe der Familie. Das ist aber nicht das Einzige, mit dem ich in meiner jungen Unternehmerlaufbahn zu kämpfen hatte.
Was noch?
Kai Kreutzmann: Da ich selbst über eine Art Ferienpraktikum zum Bäckerberuf gekommen bin, weiß ich, wie wichtig Praktika für die Berufsfindung sind. Aber ich weiß auch, dass es im ländlichen Raum, nicht einfach ist, ein Praktikum zu absolvieren. Ich bin aber überzeugt davon, wenn wir im Handwerk solche Plätze nicht anbieten, dann werden wir unser Problem mit dem Fachkräftenachwuchs nicht hinbekommen.

Jedes Brötchen hat eine festgelegte Größe und ein vorgeschriebenes Gewicht
Sie bieten also Praktikumsplätze an?
Kai Kreutzmann: Ich habe zurzeit eine Schülerpraktikantin, die ihr Fachabitur macht. Dafür benötigt sie ein einjähriges Berufspraktikum. Das Schulamt verlangt, dass sie 30 Stunden in der Woche arbeiten muss, damit das Praktikum anerkannt wird. Als Arbeitgeber muss ich ihr dafür kein Gehalt zahlen. Da sie aber sehr gut arbeitet, dachte ich, es wäre nur fair, wenn ich ihr dafür eine Aufwandsentschädigung zahle.
Sicher zur großen Freude der Praktikantin?
Kai Kreutzmann: Man darf in Deutschland gute Arbeit nicht einfach so durch eine Aufwandsentschädigung belohnen. Wochenlang habe ich mit meinem Steuerbüro eine Lösung für das Problem gesucht – und am Ende nicht gefunden.
Ich verstehe, warum so wenige gründen wollen
Was war das Problem?
Kai Kreutzmann: Dass auch hier Gesetze und Bestimmungen es einfach unmöglich machen. Auch der Vorschlag, das Praktikum als Minijob weiterlaufen zu lassen, wurde verworfen. Denn als Minijobber, darf man nur 10 Stunden die Woche arbeiten, nicht aber, die von der Schule für eine Anerkennung des Praktikums geforderten 30.
Also zahlen Sie der Praktikantin jetzt nichts?
Kai Kreutzmann: Doch. Aber das war nur möglich, weil ich sie als Arbeitskraft eingestellt habe. Damit werden mir aber auch wesentlich mehr Kosten aufgebürdet, als man eigentlich mit einem Praktikanten haben sollte. Sie flog aus der Familienversicherung raus usw. usf. Am Ende war ich Monate beschäftigt, um eine einzige Praktikantin bei mir zu beschäftigen und ihre gute Arbeit auch finanziell zu würdigen.

Bis zu 600 Brötchen verlassen den Backofen jede Woche
Sie engagieren sich auch in Ihrem Heimatort?
Kai Kreutzmann: Schon während meiner Lehrzeit in Berlin, wollte ich immer nach Oderberg zurückkehren. Aber der Ort änderte sich, um nicht zu sagen, er verfiel immer mehr. Ich habe dann eine Zeitlang mit einem Freund von der Kommune einen Laden gemietet. Darin etablierten wir eine Art Begegnungszentrum mit Backverkaufsstelle.
Und? Funktionierte das?
Kai Kreutzmann: Ja. Es wurde gut angenommen. Rechts verkaufte ich Brot und Backwaren. Links gab es das, was sich die Oderberger in einer Befragung gewünscht hatten. Kleinigkeiten. Für die Kinder Lutscher, Hefte, Stifte. Aber auch einen Kopierer und ein Faxgerät hatten sich die Leute gewünscht. Und es gab auch Kulturveranstaltungen. Puppentheater zum Beispiel.
Warum gibt es den Kiosk nicht mehr?
Kai Kreutzmann: Weil die Kommune diese Initiative nicht weiter unterstützte. Wissen Sie, mit so einem Laden können Sie keine komplette Miete erwirtschaften. Als die Kommune die Miete auf über 800 Euro anheben wollte, mussten wir das aufgeben. Das Geschäft ist jetzt wieder, wie so viele in der Stadt, verwaist.

Das heißt, sie haben sich da erst einmal zurückgezogen?
Kai Kreutzmann: Sagen wir einmal so: Ich konzentriere mich jetzt erst einmal auf die Entwicklung meiner Firma. Auch das wird einem nicht leicht gemacht und es kostet enorme Kraft, als vielleicht zukünftiger Arbeitgeber am Ort zu bleiben.
Wieso?
Kai Kreutzmann: Nun, Sie sehen es ja selbst, der Innenhof meiner Eltern ist für die beiden Backöfen eigentlich zu klein. Auch die Backstube lässt sich nicht vergrößern. Es gibt ein Familiengrundstück in Neuendorf, das ziemlich perfekt wäre, um die Bäckerei zu erweitern. Strategisch gesehen wären dort von Beginn an auch bessere Bedingungen für eine spätere Betriebsübergabe an einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin. Viele Betriebsübergaben, las ich, scheitern ja daran, dass sich die Betriebsstätte auf einem privaten Wohngrundstück befindet.
Was ist dort das Problem?
Kai Kreutzmann: Es ist ein Außenbereich. Und da gibt es auch wieder jede Menge Bestimmungen, die die Gründung neuer und junger Unternehmen behindern. Da müssen dann Bebauungspläne geändert, teure Gutachten erstellt, Amsel, Drossel, Fink und Star gezählt werden … Es wundert mich nicht mehr, dass junge Leute in Deutschland kaum noch ein eigenes Unternehmen gründen wollen. Aber ich werde schon einen Weg finden, meine Bäckerei zu entwickeln.
