Mirko Schwanitz I hwk-ff
Lackierermeister Marco Retzlaff baute sein Unternehmen aus eigener Kraft auf – mit Mut, Neugier und einem Gespür für technische Entwicklungen. Heute arbeitet auch Tochter Felicitas im Betrieb mit. Ein Gespräch über Unternehmergeist, Elektromobilität und die Frage, wie man Mitarbeiter langfristig begeistert.
Interview: Mirko Schwanitz_
„Ich wollte immer etwas Eigenes aufbauen“
DHB: Herr Retzlaff, Sie haben lange Zeit als angestellter Lackierermeister gearbeitet. Warum haben Sie ein eigenes Unternehmen gegründet?
Marco Retzlaff: Nicht, weil ich in meiner damaligen Firma unzufrieden gewesen wäre. Aber es hat mich immer gereizt, selbst etwas aufzubauen und – natürlich – für mich selbst zu arbeiten. Deswegen habe ich erst mal nebenberuflich in der eigenen Garage angefangen.
DHB: Aber ein Angestelltenverhältnis ist doch viel bequemer?
Marco Retzlaff: Das stimmt. Aber diese Mentalität der Bequemlichkeit ist nicht meins. Ich habe nie Angst vor Verantwortung gehabt. Ich bin ein optimistischer Mensch und überzeugt: Wenn ich mir etwas vornehme, dann schaffe ich das auch.
DHB: Ein Scheitern war nie einkalkuliert?
Marco Retzlaff: Scheitern muss kein Makel sein – wenn man es danach aufs Neue probiert. Das ist ja das Problem in Deutschland: Statt anzuerkennen, dass jemand etwas versucht hat, wird ein Scheitern zum Makel erklärt, statt zu einer wichtigen Erfahrung, aus der man lernen kann.
Chancen erkennen und zugreifen

DHB: Die Start-up-Phase in der Garage war ja sehr kurz. Sie haben sich schnell vergrößert. Auch dazu gehört Mut.
Marco Retzlaff: Als Unternehmer muss man Entscheidungen treffen und Gelegenheiten ergreifen, wenn sie sich bieten. Im Umland Berlins bezahlbare Gewerbeflächen zu finden, ist schwierig und teuer. Ich hatte mich bereits in Mecklenburg-Vorpommern umgeschaut, als sich plötzlich die Gelegenheit bot, ein ehemaliges Gelände von Getränke Hoffmann zu übernehmen. Ich habe da ohne lange zu überlegen „zugeschlagen“.
DHB: Heute haben Sie 14 Mitarbeiter, eine Karosserie- und Mechanikabteilung, eine Lackiererei. Wollten Sie so groß werden?
Marco Retzlaff: Wenn Sie mich fragen, ob das ein geplantes Ziel war, dann muss ich sagen: Nein. Andererseits: Was macht denn Freude an einem Unternehmen? Dass man es entwickeln kann. Wir haben ursprünglich nur auf einem Viertel der heutigen Fläche mit der Lackiererei angefangen. Bis 2019 machten wir uns über Deutschland hinaus einen Namen bei der Restaurierung von Oldtimern.
Vom Oldtimer zur Elektromobilität
DHB: Deswegen die ganzen Bilder an den Wänden?
Marco Retzlaff: Genau. Aber das ist mittlerweile ein Blick in die Vergangenheit. Die Zeiten haben sich geändert. Wir restaurieren noch Oldtimer, ja. Aber wir sind eine typenoffene Werkstatt. Wenn wir versuchen, uns heute zu spezialisieren, dann würde ich sagen: auf Qualität und auf Elektromobilität.
DHB: Viele typenoffene Werkstätten scheuen davor noch zurück. Sie sind der Meinung, der Markt an Verbrennern ist noch so groß, dass man die Hochvolttechnik anderen überlassen kann.
Marco Retzlaff: Das muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe schon 2018 die ersten E-Fiats aus den Niederlanden importiert. Mein Problem war: Wir waren eine Werkstatt, keine Verkäufer. Also war das nicht so einfach. Aber wegen dieser Entscheidung kamen wir sehr früh mit der Elektromobilität in Berührung.
„Ich lese Fachzeitschriften wie andere Leute Krimis“

DHB: Berührungsängste gab es nicht?
Marco Retzlaff: Im Gegenteil. Sonst hätte ich die E-Fiats nicht importiert. Und wäre heute nicht Partner der chinesischen Automarke NIO geworden. Es ist bedauerlich, dass die hochdotierten deutschen Automanager den Zug verpasst haben. Heute kann kaum ein deutsches E-Auto mithalten, was die Innovationen einiger chinesischer Mitbewerber betrifft. Auch ist deren Produktionsqualität längst auf deutschem Niveau.
DHB: Sie brechen eine Lanze für chinesische Fahrzeuge?
Marco Retzlaff: Mir ist egal, ob chinesisch oder deutsch. Ich habe mich immer für alles Neue interessiert. Glauben Sie mir, ich lese Fachzeitschriften wie andere Leute Krimis. Mich interessiert das einfach. Wenn Sie wirklich Interesse an Ihrem Metier haben, wenn es also nicht allein ums Geldverdienen geht, dann bekommen Sie plötzlich ein Gespür für Entwicklungen. Oder anders ausgedrückt: Sie fühlen, in welche Richtung der Wind der Veränderungen weht.
Weiterbildung als Investition
DHB: Heißt aber auch, man muss viel Neues lernen und viel in die eigene Weiterbildung und die seiner Mitarbeiter investieren.
Marco Retzlaff: Das ist richtig. Aber das habe ich schon immer gemacht. Ich bin Lackierermeister, musste mich aber auch im Karosseriebau weiterbilden und Prüfungen ablegen, um eine Genehmigung zum Führen einer Karosseriewerkstatt und einer Kfz-Werkstatt zu bekommen. Ich habe auch die notwendigen Ausbilderscheine gemacht, um in dem Bereich ausbilden zu können. Das Gleiche gilt für die Elektromobilität. Ich habe damals sofort alle Scheine für die Hochvolttechnik gemacht. Und ich schicke meine Mitarbeiter natürlich zu Schulungen. Das ist keine verlorene Zeit, sondern eine sinnvolle Investition in die Zukunft der eigenen Firma.
DHB: Sie scheinen ein Glückspilz zu sein. Ihre eigene Tochter hat im Unternehmen ausgelernt und unterstützt Sie inzwischen bei der Geschäftsführung. Viele Handwerksbetriebe haben Probleme, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden?
Felicitas Retzlaff: Langsam, langsam. Ich bin ja erst 2021 eingestiegen. Ob es so kommt, ist noch nicht ausgemacht. Aber vorstellen kann ich mir das allmählich schon.
„Ich wollte eigentlich nie etwas mit Autos zu tun haben“
DHB: Was heißt allmählich?
Felicitas Retzlaff: Ich wollte eigentlich nie etwas mit Autos zu tun haben. Ich habe eine Lehre im kaufmännischen Bereich bei den Bernauer Stadtwerken begonnen. Wenn ich ehrlich bin auch nur, weil ich – wie viele meiner Generation – etwas planlos aus dem Abi stolperte. Dann merkte ich, dass ich an meinem Ausbildungsplatz nicht sehr glücklich war.
Marco Retzlaff: Ich wollte, dass sie die Ausbildung nicht abbricht, sondern zu Ende macht. Es ist immer besser, man hat einen Abschluss in der Tasche und sieht dann weiter. Also habe ich ihr angeboten, die Ausbildung bei uns zu Ende zu machen – und war sehr froh, als sie sich dann dafür entschied.

DHB: Sie haben also ein Faible fürs Handwerk entwickelt. Was begeistert Sie daran am meisten?
Felicitas Retzlaff: Mich begeistern die Menschen, die hier mit Leidenschaft eine Arbeit machen, bei der man am Ende des Tages einfach sieht, was sie geschaffen haben. Das ist ein anderes Gefühl, als nur im Büro zu arbeiten und das Ergebnis der eigenen Arbeit nicht unmittelbar vor Augen zu haben.
Unternehmenskultur ist kein Zufall
DHB: Was ist denn die größte Herausforderung für Ihre Firma?
Felicitas Retzlaff: Ich glaube, Mitarbeiter zu binden, sie zu halten und nicht immer wieder mit neuen Leuten von vorn beginnen zu müssen – das ist aktuell die größte Herausforderung für unsere Firma. Aber ich glaube auch die größte Herausforderung für viele Handwerksbetriebe.
DHB: Reicht das aus?
Felicitas Retzlaff: Es gibt viele kleine Tools in der Kommunikation, mit denen man Einfluss auf die Stimmung in der Firma nehmen kann. Eine gewisse Sensibilität muss man sich antrainieren.
Marco Retzlaff: Auch ich musste lernen, dass es besser ist, Dinge sofort anzusprechen. Man spürt ja doch, wenn ein Mitarbeiter mal schlechtere Laune hat. Kein Mensch kann das gut verbergen.
Zwischen Oldtimer und autonomem Fahren
DHB: Entwickeln Sie die Firma aus dem Bauch heraus? Oder gibt es eine Art Masterplan?
Marco Retzlaff: Vieles geschieht tatsächlich aus dem Bauch heraus. Aber dazu muss man immer up to date sein. Für mich sind die technischen Entwicklungen total spannend. Sehen Sie: Ich habe hier Oldtimer restauriert aus dem Jahr 1900, die hatten noch Kettenantrieb. Und jetzt haben wir es bald mit vollautonom fahrenden Fahrzeugen zu tun.
DHB: Beschäftigt Sie in dieser Hinsicht das Thema Nachhaltigkeit?
Marco Retzlaff: Ich glaube, es wird noch lange Verbrenner geben. Aber Tatsache ist, dass die Elektronik nie so lange halten wird wie gut produzierte mechanische Bauteile. Das wirft tatsächlich die Frage der Nachhaltigkeit unserer modernen Mobilität auf.
Felicitas Retzlaff: Was wir als Handwerksbetrieb tun können, ist also, den Fahrzeugen ein so langes Leben wie nur irgend möglich zu verschaffen.
