Mirko Schwanitz I hwk-ff
Anfang September erhielten 19 Handwerker die „Goldene Meisterurkunde“. Doch nur zwei von ihnen gründeten Firmen, die heute noch immer erfolgreich am Markt sind. Einer von ihnen ist Wolfgang Belstler.
Herr Belstler, wie schauen Sie als Goldmeister auf Ihr Lebenswerk?
Wolfgang Belstler: Im normalen Arbeitsalltag habe ich kaum Zeit, darüber nachzudenken. Dass unsere Firmengeschichte inzwischen mehr als 70 Jahre zurückreicht, dafür empfinde ich schon so etwas wie Stolz.
Wie schwer war der Anfang?
Wolfgang Belstler: Das waren andere Zeiten. Ich bin in der Werkstatt meines Vaters großgeworden. Der hatte den Betrieb 1954 gegründet. Da war ich immer und mit allen Mitarbeitern per Du. Aber als ich dann in die Lehre kam, musste ich sogar meinen Vater mit „Sie“ anreden. Und als Sohn des Chefs stehst du natürlich immer unter besonderer Beobachtung. Das wiederum ist sicher heute auch noch so.
Sie haben das Unternehmen Ihres Vaters nach Ihrer Meisterprüfung verlassen. Warum?
Wolfgang Belstler: Alt und Jung haben immer etwas andere Vorstellungen. Ich wollte gern selbst Unternehmer sein und nicht warten, bis mein Vater sein Unternehmen an mich übergibt. Ich glaube, das ist auch heute noch einer der Gründe, warum Kinder vielleicht eher selbst neu gründen, als das Familienunternehmen zu übernehmen. Die „Alten“ verpassen den rechten Zeitpunkt.
Was man von Ihnen nicht sagen kann?
Wolfgang Belstler: Aus eigener Erfahrung wusste ich, wie wichtig es ist, den jungen „Wilden“ im Unternehmen Entwicklungsperspektiven zu geben. Sonst würden sie das Unternehmen ja verlassen, so wie ich einst den Betrieb meines Vaters verlassen habe. Meine Tochter hat den Beruf bei mir von der Pike auf gelernt, leitet heute die Buchhaltung und kümmert sich um das Personal. Ohne sie wäre Unternehmensführung also gar nicht denkbar. Mein Schwiegersohn Carsten ist Geschäftsführer und Inhaber. Ich bin Teilhaber. Wir beiden kümmern uns um alle Kundendienst- und technischen Belange. Mein Enkel Christian baut sich seinen eigenen Unternehmensbereich auf. Und ich darf die großen Reden schwingen … Nein, im Ernst: Ich bin glücklich, dass sie mein Lebenswerk fortsetzen. Ich weiß, dass das heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist.

Wolfgang Belstler mit Enkel Christian und Schwiegersohn Carsten Dobe (v. l. n. r.)
Die Wende war ein Aufbruch
Herr Dobe, Sie waren ursprünglich Heizungsmonteur und sind ein Jahr vor dem Fall der Mauer ins Unternehmen gekommen …
Carsten Dobe: … und habe hier noch einmal ganz von vorn begonnen. Heute habe ich zwei Gesellenbriefe, als Heizungsbauer und als Büromaschinenmechaniker. Später wurde dieses Berufsbild durch den Büroinformationselektroniker abgelöst.
1989 fiel die Mauer und alles wurde anders.
Carsten Dobe: Das stimmt. Betriebe, die einst Kunden waren, gab es plötzlich nicht mehr. Aber die, die noch da waren oder übernommen wurden, benötigten plötzlich modernere Technik. Das Reparieren trat komplett in den Hintergrund. Jetzt ging es um Neuausstattung. Firmen aus dem Westen suchten Partner. Und da kamen wir ins Spiel.
Viele wurden damals über den Tisch gezogen oder bezahlten beim Übergang in die Marktwirtschaft sehr viel Lehrgeld – auch die Firma Belstler?
Wolfgang Belstler: Natürlich mussten auch wir uns erst zurechtfinden. Aber wir hatten das Glück, dass eine seriöse Westberliner Firma uns als Partner akzeptierte und uns half. Vor allem mit Weiterbildungen. Aber auch mit Lieferungen von Technik. Der Bedarf war so groß, dass wir manchmal dreimal am Tag Ware holen mussten.
Für Sie war es also mehr Aufbruch als Abbruch?
Carsten Dobe: Definitiv. In dieser Zeit verlegten wir unseren Firmensitz ins Zentrum der Stadt, bekamen für den Erwerb der dafür notwendigen Immobilie KfW-Kredite. Der Sanierungsbedarf war riesig. Die Kredite waren damals notwendig, aber, in der Rückschau betrachtet, auch sehr teuer. Es dauerte lange, bis sie abbezahlt waren. Als die Firma wuchs, eröffneten wir einen zusätzlichen Standort im Gewerbegebiet an der Lindenstraße. Heute haben wir neun Mitarbeiter und fünf Mitarbeiterinnen.
Es begann eine Zeit, in der Nachhaltigkeit keinen großen Stellenwert hatte. Ließ überhaupt noch jemand Büromaschinen reparieren?
Carsten Dobe: Stimmt. Funktionierte etwas nicht mehr, wurde es in der Regel durch ein Neugerät ersetzt. Das Auftragsvolumen für Wartung und Reparatur, klassische Handwerksarbeit, nahm also ab. Wir mussten uns neu aufstellen.
Belstler, inzwischen Belstler und Dobe Bürotechnik, wurde zum Vollausstatter für Büros?
Carsten Dobe: Ja, das Portfolio begann sich zu verändern. Aber die Lieferung und Wartung von Büromaschinen – damals noch Faxgeräte, Drucker u. a. – blieb wichtig. Ebenso der Service für große Firmen wie Reuter und später Bonava sowie für Ämter und Behörden.“, aber auch in Ämtern und Behörden, mussten weiterhin gewartet und ersetzt werden. Auch an der Verkabelung und Verschaltung einiger Bürokomplexe waren wir beteiligt. Aber ja, wir boten unseren Kunden auch an, ihre Büros komplett auszustatten.
Das ist heute das zweite Standbein der Firma?
Christian Dobe: Ja. Das ist der Bereich, um den ich mich verstärkt kümmere. Die Arbeitswelt hat sich sehr verändert. Die Unternehmen achten mehr auf ergonomische Büromöbel. Sie müssen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch in den Büros eine gute Atmosphäre bieten.

Eine solche Wirtschaftsflaute noch nicht erlebt
Aber agieren Sie da angesichts der großen, auch internationalen Anbieter nicht auf verlorenem Posten?
Christian Dobe: Durchaus nicht. Um ein Büro vernünftig einzurichten, muss man schon Ahnung haben. Oder man benötigt die richtige Beratung. Kleinere Firmen wie wir sind vor Ort, erreichbar und vor allem nahbar. Wir spüren, dass dies den Kunden wieder wichtiger wird. Sie wollen bei Problemen nicht stundenlang in Warteschleifen großer Handelskonzerne hängen oder von Chatbots in den Wahnsinn getrieben werden. Immer mehr Kunden wünschen sich Lösungen aus einer Hand – und das betrifft sowohl die Bürotechnik als auch die Büroeinrichtung. Da wollen wir uns noch stärker und besser positionieren.
Wie wichtig ist für Sie eine Online-Präsenz?
Christian Dobe: Die haben wir bereits. Und in die werden wir in Zukunft auch investieren, um noch sichtbarer zu werden. Auch im Social-Media-Bereich müssen wir aktiver werden. Das wird meine Aufgabe sein.
Beteiligen Sie sich an öffentlichen Ausschreibungen?
Carsten Dobe: Ja, schon. Aber nur sehr ausgewählt. Ausschreibungen, bei denen über 100 Seiten ausgefüllt werden müssen, fassen wir nicht an.
Christian Dobe: Und bei anderen fassen wir uns auch schon mal an den Kopf.
Wieso?
Christian Dobe: Wir hatten bereits Ausschreibungen auf dem Tisch, die vermutlich mit KI formuliert worden waren. Die Mitarbeiter hatten aber gar nicht bemerkt, dass die KI delirierte, Anforderungen stellte, die vorn und hinten nicht zusammenpassten, und Spezifizierungen verlangte, die es gar nicht gab. Da mussten wir nachfragen: Was macht ihr da eigentlich?
Wolfgang Belstler: Ich weiß nicht, ob ich das noch erleben werde, dass Bürokratie wirklich für jede Firma sichtbar und spürbar abgebaut wird. Aber so, wie es jetzt ist, kann es einfach nicht mehr weitergehen.
Wie erleben Sie denn die wirtschaftliche Gesamtsituation?
Carsten Dobe: Es hat in der Geschichte immer wieder Einbrüche und Wirtschaftsflauten gegeben. Aber die aktuelle Flaute ist eine besondere. Eine solche Unsicherheit und eine solche Investitionszurückhaltung habe ich bisher nicht erlebt. Und das kommt natürlich auch bei Firmen wie unserer an. In früheren Flauten wusste man auch, dass wieder Wind aufkommen wird. Heute kann sich keiner vorstellen, woher, angesichts der vielen Krisen, der Wind überhaupt kommen soll.
Wo sehen Sie Ihre Firma denn in fünf Jahren?
Carsten Dobe: Wir würden uns freuen, wenn wir unseren durchschnittlichen Umsatz von zwei Millionen Euro halten und etwas ausbauen können. Wir setzen darauf, dass der persönliche Kontakt, die persönliche Dienstleistung vor Ort, die direkte Ansprechbarkeit wieder an Wert gewinnt. Alles deutet darauf hin, dass es sich in diese Richtung entwickelt, weshalb wir trotz Flaute durchaus optimistisch in die Zukunft schauen. Interview: Mirko Schwanitz
