Vollversammlung der Handwerkskammer

Wer sich engagiert, kann etwas bewirken

Siegrid Bohm war lange Jahre Ausbilderin bei der Wriba GmbH in Wriezen. Im Ehrenamt ist sie Vizepräsidentin der Handwerkskammer. Im Interview bricht sie eine Lanze fürs Ehrenamt im Handwerk

Interview: Mirko Schwanitz_

DHB: Frau Bohm, wie lange arbeiten Sie nun schon in der Vollversammlung mit?
Siegrid Bohm: Ich bin seit mehr als 20 Jahren Mitglied der Vollversammlung und als Vizepräsidentin ebenso lange Vertreterin der Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den Handwerksbetrieben Ostbrandenburgs.

DHB: Was kann man dort bewirken?
Siegrid Bohm: Die Vollversammlung ist das Parlament der Handwerker. Möchte ich Verbesserungen etwa im Bereich der Berufsausbildung, ist die Stimme der gewählten Vertreterinnen wichtig – denn Beschlüsse sind auch hier Mehrheitsentscheidungen. Jüngstes Beispiel: Die Wiedereinführung des Azubitickets. Also ja, man kann etwas bewirken.

DHB: Wieviel Zeit kostet so ein Ehrenamt?
Siegrid Bohm: Die Vollversammlung tagt zweimal im Jahr. Man bekommt Beschlussvorlagen zugeschickt und muss sich eine Meinung dazu bilden. Man kann Änderungsanträge einbringen. Es hängt von einem selbst ab, wie viel Zeit man investiert. Am Stammtisch kann man kritisieren. In der Regel gilt aber, nur, wer sich engagiert, wird auch etwas bewirken. Und dazu bedarf es eben auch Menschen, die unser Handwerk nach außen repräsentieren.

Nur die Vollversammlungen und deren Vorstände können politischen Druck im Interesse der Handwerker aufbauen

DHB: Mancher Handwerker hält die Handwerkskammern für überflüssig und damit auch die Vollversammlung. Was entgegnen Sie?
Siegrid Bohm: Das im deutschen Parlament gerade einmal sechs Handwerksmeister sitzen, ist auch ein Ergebnis dieser Haltung. Nur die Vollversammlungen aller 53 Handwerkskammern und ihre gewählten Vorstände können über den ZDH genügend politischen Druck aufbauen, um Einfluss auf bestimmte Gesetzgebungsverfahren zu nehmen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es ums Handwerk in diesem Land bestellt wäre, wenn es diese mächtige Stimme nicht hätte.

DHB: Sie werben also für eine Mitarbeit in der Vollversammlung?
Siegrid Bohm: In jedem Fall. Ich habe während meiner Arbeit in der ganzen Bundesrepublik, aber auch im Ausland, viele interessante Leute kennengelernt. Diese Netzwerke sind unglaublich bereichernd. Also ja, wenn mich jemand fragt, dem würde ich sagen: Kandidiere! Entscheide mit!

DHB: Warum entschieden Sie sich, neben der Arbeit ein Ehrenamt auszuüben?
Siegrid Bohm: Mich interessierten die Strukturen im Handwerk. Wie werden Entscheidungen getroffen? Und: Ist es wirklich möglich, Einfluss zu nehmen?

Die aktuelle Regierung ignorierte bisher alle Anfragen der Arbeitnehmervertreter im Handwerk

DHB: Wie haben Sie die letzten Jahre Ihrer Amtszeit als Vizepräsidentin erlebt?
Siegrid Bohm: Mal himmelhoch jauchzend. Oft aber auch zu Tode betrübt. Man kann über die Merkel-Jahre viel sagen. Aber ich hatte in dieser Zeit immer den Eindruck, dass die Stimme der Arbeitnehmer im Handwerk ernst genommen wurde. Wenn da die Arbeitnehmervizepräsidentinnen und -vizepräsidenten der Handwerkskammern den Wirtschafts- oder Arbeitsminister einluden, dann kam der und hörte zu. Wenn wir einen Brief schrieben und Fragen stellten, wurde der beantwortet. Unter Rot-Grün wurde das schon schwieriger. Die jetzige Regierung antwortet nicht einmal mehr auf unsere Einladungen. Auch Briefe werden nicht beantwortet.

DHB: Warum hat eigentlich der Berlin-Brandenburg-Tag im letzten Jahr nicht stattgefunden?
Siegrid Bohm: Der Berlin-Brandenburg-Tag wurde seit Jahren von den Arbeitnehmervertretern der Handwerks- und Handelskammern im Land organisiert. Zum ersten Mal in seiner Geschichte wurde er abgesagt, weil zu wenige Vertreter aus der Politik bereit waren, sich mit uns zu treffen, zu diskutieren und unsere Fragen zu beantworten. Dieser Vorfall sagt viel aus über die Wertschätzung, die die Politik dem Handwerk entgegenbringt.

DHB: Sie werden demnächst nach Frankfurt am Main fahren. Das letzte Mal in ihrer Funktion als Vize-Präsidentin. Mit welchen Gefühlen fahren Sie?
Siegrid Bohm: Es wird ein Abschied von vielen Kollegen, die ich schätzen gelernt habe. Auch dort werden wir wohl wieder einen Brandbrief an das Arbeits- und Wirtschaftsministerium mit einer Reihe von Fragen schicken. Viele Fragen sind ungelöst. Mal sehen, ob sie die dann auch wieder ignorieren.

Berufsausbilder sollten die gleiche Wertschätzung und Bedeutung erhalten wie Lehrer in den Schulen und Gymnasien

DHB: Was für Fragen werden das sein?
Siegrid Bohm: Ich will etwas herausgreifen. Die Kosten der Berufsausbildungszentren. Digitalisierung, moderne Technik – all das kostet Geld. Aufgrund des immer schlechter werdenden ÖPNV steht der Bau von modernen Lehrlingsunterkünften an den Ausbildungsorten im Raum. Auch die Frage einer besseren Wertschätzung von Berufsausbildern treibt mich um.

DHB: Welche Konsequenz ziehen Sie?
Siegrid Bohm (lacht): Mein Entschluss, nicht mehr in der Vollversammlung mitzuarbeiten und mein Amt als Vizepräsidentin abzugeben, hat damit jedenfalls nichts zu tun. Ich bin über überzeugt: Wir brauchen jüngere Leute, die negativen Entwicklungen mit Energie die Stirn bieten und neue innovative Ideen in die Debatten bringen.

DHB: Was hätten Sie sich während Ihrer langen Amtszeit gewünscht?
Siegrid Bohm: Dass sich mehr Arbeitnehmer an Ihre Vertreterinnen und Vertreter in der Vollversammlung wenden. Mit ihrer Kritik. Aber auch mit ihren Ideen. Das passierte viel zu selten. Das ist eine Frage, die mich all die Jahre umtrieb: Wie bekommen wir es hin, dass die Vollversammlung als Möglichkeit zu gestalten von allen im Handwerk besser wahrgenommen wird?

Junge Handwerkskolleginnen und Handwerkkollegen wollen gestalten

DHB: Was haben Sie unternommen?
Siegrid Bohm: Trotz der vielfältigen Berichterstattung in unseren Handwerksmedien, auf Webseiten oder auch den Social-Meda-Kanälen, sind es am Ende die persönlichen Gespräche, in denen man überzeugen kann. Da sah ich als Vollversammlungsmitglied auch meine Verantwortung. Meine Erfahrung ist, wenn man Kolleginnen und Kollegen erklärt, was man tut und warum, dann hören die meisten auch zu.

DHB: In was setzen Sie ihre Hoffnung?
Siegrid Bohm: In die wachsende Zahl unserer Handwerksjunioren. Viele junge Handwerkskollegen und -kolleginnen wollen gestalten, wollen Einfluss nehmen. Daher ist mir um die Zukunft nicht bange.

DHB: Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?
Siegrid Bohm: Mehr Wertschätzung und Förderung von jungen Handwerkern, die sich ehrenamtlich in den Gremien engagieren. Sei es in den Gesellen- oder Meisterprüfungsausschüssen oder in Arbeitskreisen. Ich z. B. habe viele Jahre im Arbeitskreis „Handwerk und Kirche“ mitgearbeitet. Die Arbeitgeber im Handwerk müssen verstehen, dass es in ihrem eigenen, auch geschäftlichen Interesse, ist, starke Vertretungen mit einer lauten Stimme im gesellschaftlichen Diskurs zu haben.

 

 

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