Nachgefragt

Wie kamen Sie aus der Krise, Herr Grassmann?

Seit 1997 ist Tischlermeister Mario Grassmann selbstständig. Seit 2002 führt er mit Liane Kiesow die Varius Messe-Event-Innenausbau GmbH in Neuenhagen bei Berlin. Die Corona-Epidemie gefährdete den Fortbestand des Unternehmens. Wie geht es dem Unternehmen heute?

DHB: Herr Grassmann, die Corona-Epidemie haben einige Ihrer Mitbewerber nicht überlebt. Auch Sie fürchteten um Ihr Unternehmen …
Mario Grassmann: Das ist richtig. Messen, Events, große Konferenzen – alles, was uns Arbeit verschaffte, fand plötzlich nicht mehr statt. Die Unsicherheit war so groß, dass uns 14 Mitarbeiter verließen, die nicht mehr an die Zukunft des Unternehmens glaubten. Leute, die wir mit viel Herzblut ausgebildet hatten und die schon lange bei uns waren – ein „Brain-Drain“, der bis heute Narben hinterlassen hat.
Liane Kiesow: Wir haben aber in dieser Zeit nur einen einzigen Mitarbeiter entlassen und allen anderen die gesamte Zeit über pünktlich ihr Gehalt gezahlt. Ohne Überstundenabbau und Kurzarbeit wäre es aber auch für unsere Firma nicht weitergegangen.
Mario Grassmann: Etwas Glück kam hinzu: Wir erhielten in dieser Zeit von einem Chemieunternehmen einen Großauftrag zum Ausbau eines Bürogebäudes.

DHB: Sie sprechen über Ihre Mitarbeiter. Wie ging es Ihnen als Unternehmer?
Mario Grassmann: Es stimmt, im Rückblick stehen die Auswirkungen dieser Zeit für die Arbeitnehmer im Mittelpunkt der Debatten. Wie es denjenigen ging, die als Selbstständige in dieser Zeit Verantwortung für ihre Angestellten übernahmen, darüber wird kaum gesprochen.
Liane Kiesow: Was auch viel über die Wertschätzung von Unternehmern in unserer Gesellschaft aussagt. Wie soll ich unseren damaligen Zustand beschreiben? Wir funktionierten. Es war wichtig, Ruhe auszustrahlen. Aber der Druck hat Spuren hinterlassen – auch gesundheitliche.

DHB: Haben Auftragslage und Umsätze sich inzwischen erholt?
Liane Kiesow: Nein. Corona veränderte die Konferenz- und Eventkultur. Die Mehrheit wird heute online durchgeführt. Verbindungen zu ganzen Branchen sind komplett abgerissen. Hinzu kommt, dass das Preisgefüge völlig anders ist als vor der Pandemie. Damit veränderten sich auch die Gewinnmargen. Lagen die vor der Pandemie bei vielleicht 14 Prozent, sind wir heute, wenn es hochkommt, bei vier Prozent.
Mario Grassmann: Das hat Auswirkungen. Etwa auf dringend notwendige Investitionen. Neue Maschinen anzuschaffen, ist für Mittelständler wie uns ohne Förderung nun kaum mehr möglich. Auch, weil die Epidemie den Bestand an liquiden Mitteln schmälerte.
Liana Kiesow: Wir können auch nicht erkennen, dass sich der für die Beantragung notwendige bürokratische Aufwand vereinfacht hätte. So warten wir seit mehr als vier Monaten auf die Bearbeitung eines Förderantrags für eine neue Maschine.

Wir gewinnen keine Aufträge durch Bewerbungen, sondern durch Empfehlungen

DHB: In Ihrem Firmennamen nennen Sie drei Bereiche: Event, Messe – und Innenausbau. Wie hat sich denn in den einzelnen Bereichen die Auftragslage entwickelt?
Mario Grassmann: Vor der Pandemie waren es etwa 20 Prozent Innenausbau, 80 Prozent Messen- und Eventveranstaltungen, die wir ausgestattet haben.
Liane Kiesow: Da hat sich etwas verschoben, heute ist das Verhältnis umgekehrt.

DHB: Die Varius Messebau GmbH gehört heute mit 22 Mitarbeitern und Projekten wieder zu den Hidden Champions der Branche. Wie haben Sie das geschafft?
Grassmann: Flexibilität, absolute Zuverlässigkeit, Qualität. Wir gewinnen keine Aufträge durch Werbung, sondern vor allem durch Empfehlungen. Sicher spielt auch eine Rolle, dass mancher Mitbewerber die Corona-Epidemie nicht überstanden hat. Dafür ist die Konkurrenz aus dem angrenzenden Ausland groß.
Liane Kiesow: So kam es, dass wir in den letzten Jahren wieder Objekte in Shanghai, Singapur, Barcelona, Paris, Amsterdam, Palo Alto, New York oder Houston realisiert haben. Darauf sind wir beide genauso stolz wie unsere Mitarbeiter …

DHB: Herr Grassmann, bilden Sie aus?
Mario Grassmann: Wir haben seit dem Bestehen unserer Firma zehn Lehrlinge ausgebildet. Im Moment stimmen Anspruchshaltung und Leistungsbereitschaft vieler Bewerber für uns nicht mehr. Wenn zuerst gefragt wird, ob Teilzeit möglich ist, die Fahrerlaubnis finanziert und man vom S-Bahnhof abgeholt wird, dann haben wir damit ein Problem. Auch die permanent steigenden Mindestausbildungsvergütungen sehe ich vor dem Hintergrund mangelnder Leistungsbereitschaft kritisch.
Liane Kiesow: Vor allem vor dem Hintergrund unserer Erfahrung, dass nur zwei Lehrlinge bei uns geblieben sind. Andere haben sich danach zum Beispiel Jobs bei Teilzeitfirmen gesucht, weil sich dort höhere Gehälter erzielen lassen. Wir haben aber einen vielversprechenden Bewerber für dieses Ausbildungsjahr und auch mehrere Schülerpraktikanten. Wir nehmen unseren Ausbildungsauftrag also sehr ernst.

Die Steuerprogression bei der Bezahlung von Überstunden muss sich ändern

DHB: Wie beurteilen Sie denn die aktuelle Debatte um Teilzeit?
Mario Grassmann: Ich finde sie unnötig. Man soll es den Unternehmen überlassen, wie sie damit umgehen. Soweit ich weiß, gibt es klare Regeln: Teilzeit kann gewährt werden, wenn betriebliche Belange dem nicht entgegenstehen. Ich finde, man sollte sich mit anderen Dingen beschäftigen.
Liane Kiesow: Der Besteuerung von Überstunden etwa…

DHB: Was meinen Sie konkret?
Liane Kiesow: In unserer Branche sind Überstunden manchmal unvermeidbar. Etwa, wenn unsere Monteure nach Houston fliegen und dort innerhalb von zwei Tagen Objekte aufbauen müssen. Die Überstunden bekommen sie natürlich bezahlt.
Mario Grassmann: Und dann schauen sie auf den Lohnzettel und stellen fest, sie haben weniger verdient als im Vormonat, weil plötzlich die Steuerprogression zugeschlagen hat.
Liane Kiesow: Wir fordern die Abschaffung der „Nicht“-Besteuerung der Bezahlung von Überstunden. Das wäre ein echtes Signal der Politik, dass sich Leistung wieder lohnt.

DHB: Beteiligen Sie sich an öffentlichen Ausschreibungen?
Liane Kiesow: Das haben wir in den ersten zehn Jahren der Firma gemacht. Heute macht das nur Sinn für Firmen, die für die Beantragungen eine komplette Arbeitskraft zur Verfügung haben.
Mario Grassmann: Der Aufwand für diese Ausschreibungen ist riesig. Die Chance, einen Auftrag zu bekommen, ist gering. Daher fehlt uns die Motivation, uns an solchen Ausschreibungen zu beteiligen.
Liane Kiesow: Mir scheint, dass oft auch die Kenntnis fehlt, welchen Unternehmen man da eigentlich den Zuschlag gibt. Vielleicht auch das Bewusstsein, verantwortungsvoll mit Steuergeldern umzugehen.
Mario Grassmann: Völlig unverständlich wird es dort, wo Firmen, deren Qualität schon beim ersten Mal völlig unzulänglich war, etwa, wenn bei einem Event eine Bühne einbricht, beim nächsten Mal wieder die Ausschreibung gewinnt.

Die Einhaltung der Vorgaben, die bei öffentlichen Ausschreibungen gemacht werden, müssen auch kontrolliert werden

DHB: Was müsste sich ändern?
Liane Kiesow: Den Vorschlag des brandenburgischen Wirtschaftsministers, dass man erst die kompletten Bewerbungsunterlagen einreichen muss, wenn man in die engere Auswahl kommt, ist ein guter Ansatz. Ich bin gespannt, was daraus wird.
Mario Grassmann: Jeder, der sich auf eine öffentliche Ausschreibung bewirbt, sollte davon ausgehen müssen, dass die Vorgaben, von der Zahlung des Mindestlohns bis zu Brandschutzbestimmungen, auch kontrolliert werden. Eine solche Praxis würde auf einen Schlag dem grassierenden Subunternehmertum einen Riegel vorschieben. Die weit verbreitete Praxis der Nichtkontrolle erfüllt für mich den Tatbestand der Wettbewerbsverzerrung.

DHB: Produkte Ihres Unternehmens finden sich in Bankgebäuden, Firmensitzen, Flughäfen von Singapur über Amsterdam bis nach Kalifornien. Alle sind echte Hingucker, auf die Sie stolz sein können. Haben Sie sich schon Gedanken über die Firmennachfolge gemacht?
Mario Grassmann: Natürlich, bisher aber ohne Ergebnis. Wir gehören zur Gründergeneration der 1990er Jahre. Und unsere Kinder haben natürlich die Erfahrung gemacht, was es heißt, Eltern zu haben, die selbst und ständig Unternehmer sind. Was sie aus dieser Zeit mitgenommen haben: So wollen wir nicht leben. Und das verstehe ich.
Liane Kiesow: Hinzu kommt, dass sich die Arbeitswelt und die sozialen Sicherungssysteme so entwickelt haben, dass sie erleben, dass man es auch einfacher haben kann. Statt das Unternehmersein attraktiver zu machen, tat die Politik genau das Gegenteil. Sie bürdete den Unternehmen eine Last nach der anderen auf. Das gilt für alle. Für uns gilt darüber hinaus, dass wir in einem sehr speziellen Segment der handwerklichen Dienstleistung tätig sind. Ich hatte in den letzten 20 Jahren nicht ein einziges Mal das Gefühl, diese Firma hier läuft von allein, ich kann auch mal 14 Tage entspannt Urlaub machen. Und ich weiß, dass es anderen Unternehmern genauso geht. Die Folge erleben wir heute: Nur noch wenige junge Menschen wollen Unternehmer werden, oder Firmen übernehmen. Nicht hier. Nicht in Deutschland. Das muss sich ändern.

Varius Messe-Event-Innenausbau GmbH
Zum Mühlenfließ 4
15366 Neuenhagen
T. 03342 21 179 0
kontakt@varius-berlin.com
varius-berlin.com

 

Ansprechpartner

Mirko Schwanitz

PR-Redakteur

Telefon:0335 5619 - 197

Telefax:0335 5619 - 279

mirko.schwanitz@hwk-ff.de