Schrägbrett und Klopfeisen


MODERNES TRADITIONSHANDWERK: SEIT 1990 BETREIBT ROLAND OPPELT SEINE KORBFLECHTEREI IN WALDSIEVERSDORF. NOCH 1990 GAB ES IN BRANDENBURG ÜBER 100 KORBMACHEREREIEN. SEITDEM SCHRUMPFT DIE ZUNFT DRAMATISCH. DABEI – UND DAS IST KAUM ZU GLAUBEN – IST DIE KORBFLECHTEREI WIEDER EIN BERUF MIT ZUKUNFT. Von Mirko Schwanitz

Roland Oppelt aus Waldsieversdorf. Er ist einer der wenigen Korbflechtmeister in Brandenburg, kämpft gegen das veraltete Image seines Berufes und erzählt hier, warum Korbflechter wieder ein Beruf mit Zukunft ist

© HWK-FF.DE // Mirko Schwanitz

Roland Oppelt aus Waldsieversdorf. Er ist einer der wenigen Korbflechtmeister in Brandenburg, kämpft gegen das veraltete Image seines Berufes und erzählt hier, warum Korbflechter wieder ein Beruf mit Zukunft ist

Eng ist das kleine Geschäft in Waldsieversdorf. Darin: die weite Welt eines uralten Handwerks. Geflochtene Körbe in einem hohen Regal. Schalen aus Wasserhyazynthen. Ein Stuhl mit Achteckgeflecht. Ausklopfer erinnern daran, dass es noch Stangen geben muss, über denen man Teppiche vermöbelt.

Vieles, was den Beruf ausmacht, sieht man im Geschäft nicht

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Vieles, was den Beruf ausmacht, sieht man im Geschäft nicht

Im Nachbarraum Roland Oppelt, vor sich das „Schrägbrett“ – seit hunderten Jahren Arbeitsbank des Korbflechthandwerks.  Zwischen seinen Knien vibrieren senkrecht Weidenruten. Um sie herum flechten Oppelts kräftige Hände – Lage für Lage. Ein jeder wird mit einem Schlageisen festgeklopft.

„In der 8. Klasse machte ich ein Praktikum bei einem Korbmacher in Müncheberg. Ich erinnere mich an Blasen und schmerzende Hände. Warum ich mich trotzdem für dieses Handwerk entschied? Weil ich sah, wie gut der Altmeister verdiente! 1988 machte ich meine Gesellenprüfung.“ Oppelt ist damals 18 Jahre alt. Er zieht nach Berlin, arbeitet dort als Geselle. Im April 1990 macht er sich in Waldsieversdorf selbstständig und beginnt in Frankfurt und Dresden mit der Meisterausbildung. „Mein Ausbilder ahnte, dass wir seine letzten Schüler sein würden. Da er als Restaurator bereits mit Materialien arbeitete, die sonst kein Korbmacher zu Gesicht bekam, setzte er seinen ganzen Ehrgeiz daran, uns sein gesamtes Wissen weiterzugeben.“

Starke Hände, ein Klopfeisen und biegsame Ruten

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Starke Hände, ein Klopfeisen und biegsame Ruten

Die Gegend um Eisenhüttenstadt war in den 1990er Jahren eine Hochburg brandenburgischer Korbflechtkunst. Gut 50 Betriebe gab es im Umkreis. Roland Oppelts Werkstatt liegt außerhalb dieses Kreises. Seine Auftragsbücher waren dennoch vom ersten Tag an voll. Dann kam der Sonntag der Währungsunion. „Als ich am Montag, den 2. Juli 1990, aufsperrte, blieben die Kunden weg. Als hätte sie jemand über Nacht umprogrammiert“, erinnert sich der Meister.

Doch er orientiert sich neu, macht auf sich aufmerksam. „Vor allem auf Märkten. Viele ältere Kollegen wollten sich nicht umstellen. Heute bin ich in einem Großraum von vier Millionen Einwohnern einer von ca. fünf Korbmachereien und kann mich vor Arbeit kaum retten. Korbflechterei hätte wieder eine Zukunft. Nur: Wer sagt es jungen Leuten? Wer begeistert sie dafür?“

In seiner Werkstatt gibt Roland Oppelt auch Flechtkurse

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Er tut, was er kann: Gibt Flechtkurse. Unterrichtet an zwei Volkshochschulen. Und macht sich Sorgen um sein Handwerk, das auszusterben droht. „Es gibt in Deutschland nur noch eine Ausbildungsstätte. Im oberfränkischen Lichtenfels werden pro Jahr bis zu 12 Flechtern ausgebildet. Und das, obwohl man mit unserem Handwerk gutes Geld verdienen kann“, sagt Oppelt. Tatsächlich sind die Körbe und Klopfer, die Taschen und Truhen nur der kleinste Teil der Arbeit eines modernen Korb- und Flechtwerkgestalters. So nennt sich der vielseitige Beruf heute, bei dem die Meisterpflicht, wie in vielen anderen Gewerken, entfallen ist. Ich habe Aufträge von Gartenbauunternehmen und Spielplatzgestaltern, etwa um Weidendome zu pflanzen oder Sichtschutzelemente zu gestalten. Ich arbeite mit Architekturbüros, gestalte Treppenaufgänge und –geländer. Bin gefragt bei der Restauration von Möbeln. Wir arbeiten längst nicht mehr nur mit Weide. Sondern auch mit Binsen, gedrehtem Seegras oder Papierschnüren. Ein Produkt allein zu kreieren und zu produzieren, das macht das Glücksgefühl in meinem Beruf aus“, sagt er versonnen.

Roland Oppelt ist stolz auf seinen Meisterbrief

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Wenn die Sonne in seine Werkstatt scheint, geht das Licht mit all den Naturmaterialien alchemistische Verbindungen ein. Alles strahlt. Sepiafarben. Wie auf einem Foto aus alter Zeit. Doch was Oppelt hier macht, ist modernes Handwerk, zeitgemäße Kunst. Und die beherrscht er wie nur wenige: An der Wand hängt eine Urkunde vom Welttreffen der Korb- und Flechtwerkgestalter. Sie erklärt ihn zu einem der besten seiner Zunft.

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